Wie könnte man sich erklären...                                          DAS ES EIN QUALIA-PROBLEM GIBT

 

Philosophisch wird unter Qualia verstanden: der subjektive Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes. Und es wird betont: Dieser könne nur vom Bewusstsein[1] erzeugt werden und nicht etwa vom Gehirn[2].

 

Richtig ist, dass nicht das Gehirn, sondern das Bewusstsein erlebt. Richtig ist aber auch, dass aus dem Gehirn der mentale Zustand kommt.

 

Alles, was man wahrnimmt, erreicht zunächst als Information das Gehirn, wird von diesem nach dessen Zielen in einen mentalen Zustand umgewandelt, der dann gegebenenfalls zurück zum Bewusstsein geht. Daraus entsteht dann der subjektive Erlebnisgehalt. Das heißt, nicht das Bewusstsein bestimmt die Sicht auf die Welt, sondern das Gehirn.

 

Deswegen reagieren verschiedene Menschen auf gleiche Situationen auch oft unterschiedlich.

 

Der mentale Zustand wird also durch Informationen von der Außen- und Innenwelt im Gehirn erzeugt. Je nach Relevanz wird dann das Bewusstsein aktiviert, das erlebt.

 

Dieses Hin und Her (Gehirn > Bewusstsein > Gehirn > Bewusstsein …) könnte sich immer mehr hoch­schaukeln, sodass man völlig im Mittelpunkt[3] z. B. der Musik aufgehen kann.

 

Es wird von vielen nicht beachtet (und führt daher zu einer falschen Sicht): Die Welt ist nicht so, wie wir sie sehen, sondern wir nehmen sie so auf, wie unsere Ziele (die sich im Gehirn – genauer gesagt: in den Neuronen-netzen – befinden) sie uns zeigen[4].

 

So lassen sich also drei Gründe nennen, die die Qualia-Problembefürworter nicht wahrnehmen können, weil sie andere Ziele haben (etwa Materialismus für das Leben nicht zuzulassen und den Menschen als ein Wesen darzustellen, das geistig alles überragt – bis auf Gott oder ähnliche höhere Mächte): Sie meinen:

 

1.        die Welt[5], die sie sehen, sei für alle gleich,

 

2.        sie sind sich nicht über die zentrale Rolle der Ziele im Klaren

 

3.   und sie erkennen nicht die Arbeitsweisen und Wirkungen der Neuronennetzwerke (Mittelpunkte).

 

Menschen, die sagen, es gäbe ein Qualia-Problem, das mit einer materialistischen Vorstellung nicht zu lösen ist, haben darüber hinaus schwerwiegende Verständnis- und Erklärungsprobleme: Sie sprechen von Bewusst­sein und Geist, können aber beides nicht überzeugend erklären – und entsprechend auch nicht verstehen.

 

Immer wieder taucht bei ihnen das „Argument“ auf, dass aus Materie kein subjektiver Erlebnisgehalt erklärt werden kann.

 

Das ist falsch: Im Anfang des Lebens wurden aus anorganischen Substanzen organische erzeugt (beide sind natürlich materialistisch).

 

Dass dies möglich ist, wurde in vielen verschiedenen Experimenten bewiesen.

 

So entstanden also organische Substanzen. Diese entwickelten sich und schufen mittels der Evolution nach dem Ziel des Lebens neue Strukturen. Besonders das Gehirn spielte mit der Zeit als Steuerung eine immer zentralere Rolle.

 

Die Schwierigkeit besteht besonders auch darin, dass Menschen nicht wahrhaben wollen, dass das Bewusstsein lediglich eine Verstärkung der Sinne ist, um den entsprechenden Neuronennetzwerken Infor­mationen zu übermitteln.

 

Es wird also behauptet, das Bewusstsein sei etwas ganz Außerordentliches, das man nicht mit physikalischen und chemischen Grundlagen erklären könne.

 

Es lediglich mit verstärkter Wahrnehmung der Sinne gleichzusetzen, die auf den Grundlagen der Physik und Chemie ablaufen, wird rundum abgelehnt, weil es nicht in das Bild passt, das sie vom Bewusstsein in sich haben.

 

Da u. a. diese Philosophen von ihrem Mittelpunkt „Metaphysik“ (Stichworte: unsterbliche Seele, Leib-Seele-Problem, freier Wille, Gott u. a.) gestaltet werden, sind sie blind etwa gegenüber der Tatsache, dass man mit dem Gehirn, mit dessen physikalischen und chemischen Grundlagen, geistige subjektive Erlebnisgehalte und das Bewusstsein durchaus erklären kann.

 

Der Mittelpunkt „Metaphysik“ ist die Falle für ihr Unverständnis. 

 

Es ist wie früher mit dem kopernikanischen System: Der Mittelpunkt, das geozentrische Weltbild – die Erde steht im Zentrum des Universums –, verhinderte die Einsicht in das heliozentrische Weltbild: Die Erde ist lediglich ein Planet, der sich um die Sonne bewegt. Die damals führende geistige Klasse konnte sich von diesem in ihnen befindlichen Mittelpunkt, dem geozentrischen Weltbild, nicht lösen.

 

Erst in den nachfolgenden Generationen erlosch er.

 

So ähnlich geht es auch der aktuellen Ansicht vom Bewusstsein. Dieses ist nicht etwas, das Entschei­dungen fällt und das Gehirn dirigiert, sondern es wird vom Gehirn gesteuert, das durch die jeweiligen Informationen das Bewusstsein entsprechend aktiviert, damit dies mit verstärkten Sinnen erlebt und weitere Informationen liefert.

 

Wenn man von geistigen Fähigkeiten[6] spricht, meint man eigentlich – oft ohne sich dessen klar zu sein – die Neuronennetze, die sich aufgrund von Zielen gebildet haben. (Sie waren früher nicht zu erkennen. Heute können Computer sie mit den entsprechenden Programmen sichtbar machen.) Je effektiver und flexibler die Mittelpunkte miteinander agieren, umso mehr geistige Fähigkeiten hat man.

 

„Geist“ also deshalb, weil wir die Neuronennetze mit unseren Sinnen nicht direkt erkennen können. Sie können sich schnell aktivieren und ebenso schnell wieder deaktivieren – wie ein Geist, der erscheint und wieder verschwindet.

 

 

Ich möchte es noch einmal am Ablauf des Musikerlebens darlegen: Es werden dem Gehirn Sinneseindrücke, Reize durch Wahrnehmung vermittelt. Dadurch werden gespeicherte Mittelpunkte der Musik im Gehirn aktiviert. Das Gehirn qualifiziert die Wertigkeit der Sinneseindrücke nach seinen Zielen[7]. Dieses wird dem Menschen mittels Gefühlen bewusst, wenn die Melodie für ihn ein wichtiges Ziel ist, um die daraus entstehenden Gefühle zu erleben. Das aktivierte Bewusstsein sendet diese Informationen über die Musik dem Gehirn, genauer: den entsprechenden Mittelpunkten (Neuronennetzen), die dadurch verstärkt Gefühle im Bewusstsein erzeugen. Dies kann sich immer mehr aufschaukeln, sodass man völlig in diesen Mittelpunkten aufgeht. So werden alle anderen Neuronennetze mehr oder weniger im Wert herabgesetzt.

 

Um es zu untermauern, dass Musikempfinden im Gehirn erfolgt: Es gibt musikalische und nicht so musikalische Menschen. Wo sonst, als im Gehirn, sollte dies jeweilige Empfinden bzw. Nichtempfinden genetisch oder epigenetisch gespeichert sein und stattfinden?

 

 

Noch eine Anmerkung zum Intentionalitätsproblem[8] in der Philosophie (also die Fähigkeit des Menschen, sich auf etwas zu beziehen – etwa auf reale oder nur vorgestellte Gegenstände, Eigenschaften oder Sach­verhalte): Geht man davon aus, dass das Bewusstsein und das ICH geistige Zustände (sozusagen außerhalb des Gehirns existierende Geister, Immaterielles) sind, dann hat man ebenfalls ein Problem.

 

Diese gründet in Aussagen von vergangenen Philosophen, die nur wenig über die Funktionen des Gehirns wussten. (Wenn man etwas nicht weiß, ersetzt man dieses oft durch Fantasien.)

 

Geht man aber realistischerweise davon aus, dass dies Zustände des Gehirns sind, dann gibt es dieses Problem nicht.

 

Intentionalität lässt sich also ohne Weiteres mit den Zielen im Gehirn erklären. 



[1] Die 11 Grundlagen des Menschen: Bewusstsein

[2] Die 11 Grundlagen des Menschen: Gehirn

[3] Die 11 Grundlagen des Menschen: Mittelpunkt-Mechanik

[4] Die 11 Grundlagen des Menschen / Wahrnehmung

[5] Welt – objektiv und subjektiv (Wie könnte man sich erklären …)

[6] Flexibilität des Gehirns (Wie könnte man sich erklären …)

[7] Die 11 Grundlagen des Menschen: Ziele

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Intentionalit%C3%A4t

 

Ausführliche Texte zu den jeweiligen Hinweisen finden Sie in dem Buch:

„Hermsch - Das sollten Sie wissen: Die 11 Grundlagen des Menschen.“