Das Gehirn trifft letztlich die Entscheidungen – nicht das Bewusstsein

 

Da ich mich im Laufe der Jahre mit unzähligen Menschen über diese Themen unterhalten habe, und deren Meinungen oft in meine Manuskripte Eingang gefunden haben, nenne ich die GesprächspartnerInnen hier wertneutral GP.

 

 

 

 

„Du sagst, Bewusstsein ist eine Verstärkung der Sinne“, fasste GP zusammen. „Und du meinst, es trifft keine Entscheidungen.“

 

„Bewusstsein ist intensives wahrnehmendes Erleben mit unseren Sinnen, mittels einer willkürlichen oder unwillkürlichen Konzentration, um den Zielen im Gehirn möglichst genaue Informationen zu liefern“, nickte ich.

 

„Wichtig ist zu wissen: Leben heißt immer auch; Gefühle erleben. Und dass das Gehirn der Speicher der Gefühle ist, die mit den jeweiligen aktiven Neuronennetzwerken (Mittelpunkten) verbunden sind.“

 

„Aber warum braucht man überhaupt das Bewusstsein, denn die Informationen von den Sinnen könnten doch auch ohne es im Gehirn gespeichert werden?“

 

"Die Informationen müssen erst mal wahrgenommen werden, um im Gehirn gespeichert werden zu können. Das Gehirn nimmt nicht wahr. Es zeigt uns nur die Welt nach seinen Zielen. D.h., wir nehmen sie aus dieser Perspektive wahr und schicken die Informationen, die sich dann zeigen, an das Gehirn.

Darum müssen wir Aufmerksamkeit und Bewusstsein (also Wahrnehmung) haben.

Die Welt ist ja im Grunde nicht so, wie wir sie sehen, sondern immer so, wie unser Gehirn sie uns zeigt.

 

Dies ist vielen Menschen nicht bewusst (sie nehmen es nicht wahr). Für sie ist die Welt so, wie sie und andere sie sehen: gleich. Dass Ziele in den Lebewesen die jeweilige Welt machen, ist ihnen in aller Regel fremd und unvorstellbar. Daher beachten sie es nicht weiter, bleiben bei ihrer alten Sicht."

 

„Aber ich kann doch selbst entscheiden, ob ich z.B. meinem Kopf jetzt rechts oder links drehe.“

„Natürlich kannst du es. Aber wie du selbst sagst: Dein ICH, dass sich im Gehirn befindet, trifft diese Entscheidung, und nicht dein Bewusstsein; dies nimmt nur wahr.

 

Dein Bewusstsein ist nicht dein ICH!

 

Es gibt noch ein zweites Verständnishindernis in der Form, dass gesagt wird, anorganisches also Materie kann nichts Organisches erzeugen.

Das Gehirn ist etwas Organisches; es erzeugt Ziele (Mittelpunkte), die mittels des Bewusstseins mit den Sinnen Wahrnehmungen erschaffen.

 

Des Weiteren können sich viele nicht vorstellen, dass ausschließlich Ziele im Gehirn den Menschen steuern. Sie glauben, sie steuern sich selbst (mit ihrem freien Willen). Dies können sie nicht beweisen, so bleibt es bei einem Gefühl, dass es so ist. Und dabei bleiben sie.

So können sie auch nicht wahrnehmen, dass das Ziel ihres Glaubens (der Mittelpunkt) dies verursacht.

 

 

Und: Es werden nicht nur die Wahrnehmungen gespeichert, sondern, wie gesagt, auch die dadurch entstehenden Gefühle. Diese erleben wir. Je stärker sie sind, umso mehr erleben wir sie mit unserem Bewusstsein.“

 

„Bewusstsein erlebt, das Gehirn reagiert, steuert und entscheidet", rekapitulierte GP.

 

Ich nickte. „Das Gehirn zeigt uns, aufgrund seiner Ziele die Welt – das Bewusstsein erlebt diese Welt und sendet die Informationen an das Gehirn.

 

Das Gehirn macht Vorschläge oder trifft Entscheidungen aufgrund der gespeicherten und eventuell neu aufgenommenen Informationen – und antizipiert diese; es nimmt Resultate vorweg. Das Bewusstsein lebt sie und gibt die Informationen an das Gehirn zurück.

Dieser sich wiederholende Prozess kann längere oder kürzer Zeit dauern: Je kürzer, umso weniger neue Informationen nimmt das Gehirn auf - und umgekehrt.

 

Das heißt: Das Gehirn erlebt nicht - das Bewusstsein entscheidet nicht.

 

Der zentrale Punkt alles Lebendigen ist die Erhaltung des Lebens. Das kann man am besten, indem man erlebt. Und dies wiederum sind wichtige Informationen für das Gehirn, die es mit den jeweiligen Ereignissen koppelt und speichert. Ohne das Bewusstsein könnte man dies nicht erleben, denn das Gehirn allein kann dies nicht.

 

Kommt eine ähnliche Situation vor, dann werden auch die entsprechenden Gefühle wieder aktiviert.

 

(Die Gefahr dabei ist, wenn man die augenblickliche Situation nicht bewusst wahrnimmt, dass man nicht auf das Jetzt, sondern nach dem Damals reagiert.)

 

„Es geht also um Aufmerksamkeit“, überlegte GP.

 

Ich nickte. „Aufmerksamkeit heißt, ‚bei der Sache‘ zu sein. Bewusstsein heißt, die Aufmerksamkeit zu intensivieren. Letzteres tritt in der Regel viel weniger auf. 

 

Jedenfalls: das Bewusstsein wäre auch gar nicht in der Lage, ohne das Gehirn abschließend zu entscheiden, weil die Menge der Faktoren dafür viel zu groß und variabel ist, um positive Entscheidungen bezüglich der notwendigen Aktivitäten und Handlungen treffen zu können. Es wäre schlicht überfordert.

 

Es müsste Prozesse, wie sie sich ständig im Gehirn abspielen, selbst generieren und steuern."

 

"Und wenn man das, was sich im Gehirn abspielt, zu Hilfe nimmt?"

 

"Das würde heißen, dass man zugibt, dass dies eine große Rolle spielt. Und da man, wegen der Vielfältigkeit und Schnelligkeit diese Prozesse nicht verfolgen kann, ist man schon hier seinem Gehirn ausgeliefert. Was wäre ein Bewusstsein ohne das Gehirn? Könnte es ohne das Gehirn entscheiden?“

 

„Wohl kaum“, nickte GP.

 

Daraus folgt: Das Gehirn entscheidet. Was man mittels des Bewusstseins durch Wahrnehmung aufnimmt, kann, je nach Wertigkeit, eventuell die Entscheidung beeinflussen. Denn alle Informationen können Einfluss auf das Gehirn haben – solange dies offen und flexibel ist.

 

Inwieweit sie aber greifen, entscheidet das Gehirn. Je besser man dessen Funktionen, Werte und Möglichkeiten kennt, umso mehr Einfluss kann man über das ICH und den Willen nehmen (die sich ja beide ebenfalls im Gehirn befinden) nehmen.“

 

„Also: ‚Erkenne dich selbst‘?“

 

„Erkenne deine Psyche.“

 

Wer sich selbst beobachtet, wenn er etwas bewusst aufnimmt, wird feststellen, dass dabei seine Sinne stark aktiviert werden. Sehr viel stärker, als wenn es nur um allgemeine Aufmerksamkeit geht

 

Das Gehirn braucht das Bewusstsein, um Informationen zu bestimmten Themen zu bekommen. Der Mensch nimmt zwar circa. 11 Millionen Bits pro Sekunde mittels seiner Sinne auf; diese dienen aber der allgemeinen Orientierung.“

 

„Könnte das Gehirn auf das Bewusstsein verzichten, indem es überall diese Verstärkung einsetzt?“

 

„Das wäre unmöglich, weil es das Bewusstsein u.a. wegen der Aufnahme durch die Sinne braucht. Und unökonomisch, weil immer nur bestimmte Informationen bezüglich der Mittelpunkte, die zurzeit einen stärkeren Wert haben, benötigt werden. Alles andere würde zu einer Inflation der Informationen führen, die es nicht mehr möglich macht, einzelne Mittelpunkte abzugrenzen und damit seine Ziele zu erreichen. Man würde auch im Zustand der ständigen angespannten Konzentration sein, was physiologisch kaum möglich ist.

 

Man nimmt das Leben mit seinen Sinnen auf, und wenn etwas Besonderes passiert, zum Beispiel etwas Interessantes, Gefährliches, emotional Bewegendes, dann nimmt man es zusätzlich intensiv mit seinem Bewusstsein auf.

 

Beschäftigt sich der Mensch mit einem speziellen Thema, dann braucht er gezielte Informationen. Diese soll das Bewusstsein liefern. ‚Bewusst‘ heißt, wie gesagt, Information zu erhalten, die dann an das Gehirn weitergegeben werden.“

 

„Der jeweils gebildete Mittelpunkt konzentriert sich gegebenenfalls also auf das Thema und das Bewusstsein liefert dem Gehirn durch intensive Wahrnehmung genauere Fakten“, schloss GP.

 

„Zum Beispiel das Denken“, erläuterte ich, „das Bewusstsein sucht aufgrund eines Reizes oder einer Frage nach Informationen in der Außen- bzw. Innenwelt und schickt jede einzelne sofort an das Gehirn. Dies sucht nach Erfahrungen oder Ähnlichkeiten. Diese Zwischenergebnisse werden einem wieder bewusst usw. Das Wechselspiel geht so lange, bis man ein stimmiges Gefühl hat oder nicht mehr weiterkommt. Das Endprodukt des Denkens wird vom Gehirn formuliert und erst Bruchteile von Sekunden oder später bewusst.“

 

GP überlegte. „Was dabei herauskommt, wird also vom Gehirn entschieden bzw. formuliert?“

 

„Ja, von einem Mittelpunkt, der die letztendliche Entscheidung trifft und alle anderen nicht relevanten Neuronennetze ausschließt.

 

Der Grund, dass der Mensch glaubt, er habe sich mit seinem Bewusstsein entschieden, liegt in der sehr kurzen Zeitspanne – oft sind es nur Millisekunden – zwischen der Entscheidung des Gehirns und dem Bewusstwerden.

 

Bezüglich wichtiger Themen findet immer ein Wechselspiel zwischen Gehirn und Bewusstsein statt, weil das Gehirn nur eine begrenzte Anzahl von aktuellen Informationen besitzt und darauf angewiesen ist, dass das Bewusstsein als Verstärker der Sinne eventuell neue Fakten hinzufügt.“

 

„Nur die wichtigsten Sachen werden also bewusst?“

 

„Ja“.

 

„Wer entscheidet, was wichtig ist?“

 

„Die Ziele mit ihren Mittelpunkten.“

 

„Es gibt tatsächlich Menschen, die behaupten, man mache alles mit seinem Bewusstsein“, fiel GP jetzt ein.

 

„Es ist unglaublich, was es alles bedeuten soll“, sagte ich. „Wenn man einmal die Definitionen durchforstet, liest man: Das Wissen von bestimmten Fakten, das Erinnern an bestimmte Ereignisse, Summe der Überzeugungen und Standpunkte usw.

 

Und sinnverwandte Wörter für das Bewusstsein sollen etwa sein: Intelligenz, Erinnerung, Überzeugung.

 

Alle diese Definitionen treffen exakt auf das Gehirn zu. Wenn man aber das Bewusstsein einmal überprüft, was es davon repräsentiert, sucht man vergebens. Weil es nicht dafür geschaffen ist, dies mit sich herumzutragen und es auch gar nicht kann“.

 

„Die Menschen sagen also, dass sie sich selbst steuern, mit ihrem Bewusstsein, weil sie sich nicht selbst genau beobachten, weil diese Ansichten für sie selbstverständlich sind. Sie plappern einfach nur nach, aus Gewohnheit, was andere Menschen sagen bzw. was sie mal gelernt haben. Dazu gehört auch, das Wort Bewusstsein unreflektiert zu gebrauchen.“

 

„Das trifft den Nagel auf den Kopf“, bestätigte ich.

 

„Sie nehmen es einfach so hin.“

 

„Ja, weil sie die Aussage, dass der Mensch ein von Zielen geleitetes Wesen ist, entweder noch nicht gehört haben oder aber nicht hören wollen. Entsprechend forschen sie in dieser Beziehung auch nicht nach.

 

Ein wesentliches Hindernis ist, wie gesagt, dass sie die Rolle des Bewusstseins nicht richtig einordnen können oder wollen. Auch dafür liegt der Grund in der Vergangenheit und in den immer noch zu hörenden Meinungen, dass das Bewusstsein etwas ist, das nur Menschen haben, und diese sich damit steuern.“

 

Wem würdest du eine Entscheidung überlassen?“, fragte ich GP jetzt. „Jemanden, der schon sehr viel Erfahrung auf diesem Gebiet hat oder einem, dem diese Erfahrung fehlt?“

 

„Das ist keine Frage, natürlich dem mit Erfahrung.“

 

„Wer hat mehr Erfahrung, das Bewusstsein oder das Gehirn?“

 

GP lächelte. „Natürlich das Gehirn.“

 

„Die Experimente von Libet und anderen (wissenschaftliche Schriften von Benjamin Libet 1983; Keller und Heckhausen 1990; Haggard und Eimer 1999; Miller und Trevena 2002 u.a.) zeigen eindeutig, dass, bevor von einer Person eine Entscheidung mit dem Bewusstsein getroffen wurde, das Gehirn diese Entscheidung bereits gefällt hat. Man kann also nicht bestreiten, dass das Gehirn entscheidet und nicht das Bewusstsein.

 

Eine besondere Schwierigkeit war, dass man es in früheren Zeiten nicht genau definieren konnte: Bewusstsein war ein Etwas, das zwar nicht im Gehirn gefunden wurde, aber, so meinten die Menschen, die eigenen Handlungen steuert. Der Glaube an Übersinnliches war weit verbreitet.

Sie nahmen das Bewusstsein als metaphysischen Geist, ähnlich den Geist Gottes, ohne es weiter zu hinterfragen.

Die Tatsache, dass das Gehirn entscheidet, ist durch die Experimente von Libet und anderen Wissenschaftlern eindeutig dargelegt worden. Die sogenannte ‚Freiheit des Bewusstseins‘ ist niemals belegt worden.“

 

„Aber warum halten gebildete Menschen auch heute noch an ihrer Version, dass dieses alles entscheidet, fest?“

 

„Es wurde seit jeher angesehen als Erkenntnis- und Entscheidungsinstanz. Man war sich sicher, dass damit die gesamte wahre Welt erkannt werden konnte. Früher erklärte einem das Gehirn, dass die Welt eindeutig sei – um damit gut umgehen zu können – und sie von den Menschen mit seinem Bewusstsein wahrgenommen und erkannt werden könne. Das hob den Menschen natürlich weit über die Tiere hinaus. Dieser Glaube ist spätestens seit dem Aufkommen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik und ihrer experimentellen Bestätigung vorbei: Die Welt ist weder eindeutig noch aus jeder Perspektive gleich. Geblieben aber ist in etlichen Menschen die Vorstellung vom Bewusstsein, dass die Entscheidung trifft, weil dies ja, ihrer Logik folgend, alles erkennt. Diese Logik schließt natürlich das Gehirn – als Entscheider – aus.

 

Das Bewusstsein ist sozusagen eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Gehirn und der Außenwelt“, erklärte ich weiter. „Nur mit seinen Sinnen – und es ist ja eine Verstärkung der Sinne – ist es dem Gehirn möglich, gezielte Informationen von außen und natürlich auch von innen zu bekommen.“

 

„Ist also etwas wichtig, dann werden die Sinne verstärkt und das Bewusstsein kommt ins Spiel“, wiederholte GP.

 

„Stell dir vor, du hättest das Ziel, eine wichtige Entscheidung zu treffen, zu wählen oder ein Urteil aufgrund relevanter Fakten auszusprechen und das alles solltest du in jeder einzelnen Sequenz nur mit deinem Bewusstsein machen, ohne das Wechselspiel von Bewusstsein und Gehirn.

 

Oder nehmen wir die Sprache, diese läuft ja automatisch ab. Man hat gelernt, wie man am besten spricht, sich artikuliert usw. Ein geübter Sprecher konzentriert sich natürlich nicht auf die einzelnen Punkte der Sprache, sondern das Bewusstsein konzentriert sich auf das Thema, um das es geht.

 

Das Sprechen, die Gestik, die Mimik, die man macht, dies alles ist im Laufe des Lebens erlernt und von Gehirn gespeichert worden und kommt, wenn man sich unterhält, zum Ausdruck. Da hat das Bewusstsein nichts mit zu tun, es sei denn, man verhält sich verkehrt, macht Fehler, die gefühlsmäßig oder kognitiv vom Gehirn erkannt werden, dann wird es in der Regel sofort aktiv und liefert entsprechende Informationen an das Gehirn. Dieses versucht dann, eine Korrektur oder Verhaltensänderung herbeizuführen.

 

Stell dir vor, du müsstest alle deine Worte nur mit deinem Bewusstsein wählen. Zum Beispiel auf einer Party. Und frag dich jetzt mal, was du davon wirklich bewusst steuerst. Das heißt: Wie du deine Bewegungen einsetzt, wie du sprichst, die Mimik usw.“

 

„Das ist tatsächlich unmöglich, dazu braucht man die erlernten Routinen aus dem Gehirn“, stimmte GP mir zu.

 

„Ja, die jeweiligen Mittelpunkte.“

 

„Du sagst, nur die relativ wichtigsten Sachen kommen einem ins Bewusstsein. Aber wie ist es denn, wenn ich gerade mit einem wichtigen Thema beschäftigt bin und konzentriere mich darauf. Plötzlich kommt mir etwas ins Bewusstsein, das mit dem augenblicklichen Mittelpunkt nichts zu tun hat?“

 

„Nun, das Gehirn ist hier von einem Mittelpunkt zu einem anderen gesprungen, weil dieser die Aufmerksamkeit in Anspruch nahm oder weil der bisherige vielleicht einfach von selbst lief und nicht mehr das Bewusstsein brauchte. Oder der andere Mittelpunkt schien dem Gehirn in dem Augenblick wichtiger, weil etwa eine Frage, die schon lange in einem lag, jetzt beantwortet werden konnte. Dies kommt nicht selten bei kreativen Menschen vor.

 

 

Nebenbei: Dazu fällt mir ein, wenn man etwas nicht beendete, was man gerade wollte, weil man es vergessen hat, dann hilft es sich zu fragen: ‚Welches Ziel hatte ich gerade?‘“

 

„Du meinst, man ist dann zu einem anderen Mittelpunkt gesprungen, und wird von dem vorhergehenden weniger gestaltet?“

 

Ich nickte. Es ist wie beim Priming. „Und generell gilt: Eine sehr starke Konzentration ist immer nur für eine eingeschränkte Zeit möglich, weil sie ab einem gewissen Punkt, physiologisch bedingt, nachlässt.“

 

„Und sonst lebt man ohne Bewusstsein?“, fragte GP. „Wenn alles läuft und keine neuen Fakten hinzukommen?“

 

Ich lachte. „Die meiste Zeit läuft tatsächlich alles automatisch ab, das Bewusstsein ist während dieser Zeit quasi im Bereitschaftszustand, es herrscht während dieser Zeit die normale Aufmerksamkeit, wird aber sofort wieder aktiv, wenn etwas Wichtiges auftritt. In der Regel ist dies weit weniger der Fall als man meinen sollte. Darüber hinaus lernt das Gehirn hinzu, und das Neue wird meist schnell zur Routine, sodass das Bewusstsein dann in dieser Intensität nicht mehr gebraucht wird.“

 

 

„Was ist der Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Bewusstsein?“

 

„Die Aufmerksamkeit hat die Aufgabe, ‚bei der Sache‘, in dessen Mittelpunkten zu sein.

 

Das Bewusstsein hat die Aufgabe, sich gegebenenfalls zu konzentrieren, um dem Gehirn die Informationen, die als sehr relevant eingeschätzt werden, nachdrücklich zu vermitteln.“

 

„Das Bewusstsein wird also immer mit intensiver Aufmerksamkeit dann aktiv, wenn etwas sehr wichtig ist“, wiederholte GP.

 

„Ja. Je nachdem, auf was die Aufmerksamkeit gerichtet wird, bekommt dies einen Wert, der den Menschen gestaltet oder anders gesagt, strukturieren kann. Es handelt sich hier um die normale Aufmerksamkeit. Ist etwas besonders wichtig, dann spricht man von einem bewussten Aufnehmen.

 

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: der Sinn ist, den Zielen im Gehirn diese starken Informationen zu liefern, damit es sie sofort aufnimmt und entsprechend reagieren kann. Das Bewusstsein ist also immer eine Verstärkung der Sinne.“

 

„Also liefert die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein jeweils Informationen an das Gehirn!“

 

„Ja, der Unterschied liegt in der verschiedenen Wertigkeit.“

 

„Das Bewusstsein ist also gar nicht so häufig aktiv.“

 

„Wenn man sich beobachtet, wird man dies bestätigen können. Im täglichen Leben begegnet man in der Regel nicht ständig etwas aufregend Neuem oder wichtigen Ereignissen.

 

Hier sollte man aber differenzieren: Jugendliche und besonders Kinder haben mehr Bewusstsein als Erwachsene. – Bewusstsein im Sinne von verstärkter Wahrnehmung –. Weil die Welt noch neu ist und sie ihre Erfahrungen sammeln. Das heißt aber nicht unbedingt, dass deren Wahrnehmung den Tatsachen entspricht. Umgekehrt scheint es so: Je älter man ist, umso weniger Neues integriert man in der Regel noch in sich. Die Erfahrung zeigt, dass die neuronale Plastizität eingeschränkt ist. Dies ist allerdings weniger der Fall bezüglich Bereichen, die den Menschen lebenslang interessiert haben. Viele Mittelpunkte wurden auch im Laufe der Jahre fester, aber auch starrer, und schließen leider oft Neues, das scheinbar nicht zu ihnen passt, durch die Mittelpunkt-Mechanik aus.

 

Grob gesagt: Hier arbeitet das Bottom-up die nachhaltige Informationsaufnahme (bis ca. 28 Jahre), die zur Wertgestaltung des jeweiligen Menschen dient. Danach erfolgt das Bottom-down das Agieren mit sich gefestigten Informationen. (Aus der erfolgten Wertgestaltung agiert man).

 

Der Inhalt dieser erworbenen Informationen und Werte ist allerdings in aller Regel nur marginal wissenschaftlich abgesichert. 

 

 

Das Bewusstsein weckt oder generiert Mittelpunkte aufgrund wichtiger Werte im Gehirn, wenn diese besonders berührt werden. Zum Beispiel: Überleben, neue Orientierung, gesellschaftliche Anerkennung.

 

Ist es überfordert oder man langweilt sich, dann kommt man ins Träumen.

 

In dem Moment aber, wenn man zum Beispiel seine gewohnte Umgebung verlässt, wird auch die Aufmerksamkeit bzw. das Bewusstsein aktiver. Weil neue Fakten oder Eindrücke wichtig für das Gehirn sind, um sich zu orientieren. Bewegungen und Bilder werden bevorzugt bewusst wahrgenommen.“

 

 

„Welcher Mechanismus mag dahinterstecken, wenn man mit einem Thema nicht weiterkommt, obwohl man meint, die Lösung zu wissen?“, fragte GP nun.

 

„Es ist ein Mittelpunkt, der blockiert. Man hat sich zum Beispiel verrannt, und in dieser Sackgasse kreisen die Gedanken. Der gleiche Mechanismus greift, wenn man etwa von Wut beherrscht wird. Allgemein gesagt: Immer, wenn ein Mittelpunkt da ist, der andere stark einschränkt.“

 

„Da fällt mir ein“, sagte GP, „wenn man dann darüber geschlafen hat, fällt einem die Lösung oft am nächsten Tag ein.“

 

„Das kommt, weil der blockierende Mittelpunkt in der Zwischenzeit an Wert verloren oder sich aufgelöst hat. Man hat Abstand gefunden. Im Schlaf hat das Gehirn die Aufgabe, die Erfahrungen des Tagesgeschehens zu integrieren, zu lernen, und unter Umständen eine andere Sicht durch Umstrukturierung zu erzeugen. Dazu benutzt das Gehirn bevorzugt die Kreativität, in die die Mittelpunkte des Tagesgeschehens nicht störend eingreifen können.“

 

„Man sieht die Dinge in einem anderen Licht“, überlegte GP.

 

„Ja, die Einstellung ändert sich. Mit anderen Worten: Die übrigen Mittelpunkte, die mit diesem Thema assoziiert sind, wurden neu bewertet oder es kamen andere hinzu. Es sei denn, dieser Sackgassen-Mittelpunkt wirkt in der gleichen Form weiter. Dann hat man sozusagen einen Komplex.

 

Nebenbei: Wir alle wissen, dass das Gehirn sich täuschen kann. Daher sollte man, bevor man etwas Wichtiges entscheidet, eine Nacht darüber schlafen.“

 

 

„Erkläre ‚Komplex‘ bitte noch mal.“

 

„Es ist ein Mittelpunkt, also ein Neuronennetz, das unfähig ist, sich anzupassen und Änderungsversuchen einen starken Widerstand entgegensetzt.“

 

„Er hat sich verkapselt?“

 

„Ja, im Gegensatz zu den Clustern. Das sind Neuronennetze, die gelernte oder angeborene Abläufe ausführen – wie das Saugen des Kleinkindes an der Mutterbrust, zu laufen oder das Zubinden der Schuhe.“

 

„Ein Cluster ist also ein Mittelpunkt, der unter anderem für Routinen zuständig ist, wie Bewegungsabläufe, immer wiederkehrende Handlungen, gelernte Reaktionen. Kannst du ein anschauliches Beispiel geben?“, hakte GP nach.

 

„Nun, etwa ist ein Tic – eine kurze und nicht beeinflussbare motorische Kontraktion einzelner Muskeln im Gesicht – ein Komplex. Dagegen ist die normale Mimik ein Cluster.“

 

„Es gibt, wie du schon sagtest, sehr viele Cluster in einem – Fertigkeiten, gelernte Abläufe, Handlungsweisen, Einstellungen usw.

 

Kann man sagen: Komplex bedeutet eingeschlossen?“

 

„Ja, er umgibt sich mit Mauern. Er hat das Ziel, bestimmte Einstellungen, Haltungen, Reflexe unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, und beeinflusst andere Mittelpunkte mit seiner Eigenart, das, was er in einer bestimmten Situation einmal gelernt hat, beizubehalten.“

 

„Das heißt“, überlegte GP, „er ist starr und agiert nicht wie andere Mittelpunkte, die flexibel sind und im Konzert der Ziele des Gehirns mitspielen.“

 

„Ja, er agiert nicht wie die Cluster, lernt nicht dazu und stört somit die Flexibilität, die Anpassung des Gehirns. Das ist natürlich ungünstig. Die Außenwelt verändert sich ständig. Zentraler Punkt des Lebens allgemein und die daraus resultierende Anforderung sollte sein, dass sich der Mensch diesen Veränderungen anpasst.

 

Das ist in der Regel ja auch der Fall. Komplexe verhindern dies aber, ebenso wie etwa Vorurteile, Verblendung, Starrsinn, Intoleranz. Und besonders Fanatismus oder Dogmatismus.“

 

„Dies findet man ja recht häufig“, bemerkte GP.

 

 

„Da habe ich nochmal eine Frage“, fuhr er fort: „Wie könnte man sich erklären, dass es Menschen gibt, die glauben, ihre Sicht der Welt ist die einzig wahre?“

 

„Das sieht man besonders deutlich bei Extremisten, Fanatikern, Strenggläubigen, Menschen, die wie vernagelt sind“, ich nickte.

 

„Aber auch die anderen ‚normalen‘ Menschen haben feste Mittelpunkte. Dies sind ihre Anker, also ihre Bezugspunkte, von denen aus sie agieren und die Welt bewerten.

 

Wer sich im Klaren ist, dass seine Perspektive nur eine von vielen möglichen ist, der läuft weniger Gefahr, dass ihm das Aufgeben eines Mittelpunkts den Boden unter den Füßen wegzieht.

 

Unglücklicherweise agieren die Mittelpunkte auch hier natürlich so, dass sie alles andere im Wert herabsetzen, was sie selbst nicht unterstützt.

 

Viele Menschen weigern sich, einen Mittelpunkt aufzugeben, auch wenn es ihnen dämmert, dass dieser schädlich für sie ist. Unter anderem deswegen, weil sie Angst haben, ihren Halt zu verlieren.

 

Diese Angst ist bei den Extremisten und Strenggläubigen eher gerechtfertigt als bei anderen Menschen, weil sie nur von einem oder wenigen Mittelpunkten besonders gestaltet werden. So könnte tatsächlich ihre Welt auseinanderfallen.

 

Je mehr Mittelpunkte aber in einem Menschen flexibel mitspielen und miteinander kommunizieren können, umso weniger wird er hier Gefahr laufen.“

 

„Weil andere Mittelpunkte das innere System auffangen können?“

 

„Ja, besonders dann, wenn man sich nicht nur auf wenige Mittelpunkte in seinem Leben konzentriert hat, sondern innerlich reich und vielfältig ist und bleibt.“

 

„Du meinst, wenn man etwa nicht nur seinen Glauben, seine Familie in den Mittelpunkt stellt, eine geliebte Person, auf die man fixiert ist, den Beruf, sein Hobby usw. Man kann durch diese Mittelpunkte also gefährdet werden, wenn man darin völlig aufgeht, auf Dauer nichts anderes mehr sieht.“

 

„So denke ich.“

 

 

„Man muss seine besonderen Mittelpunkte also gar nicht aufgeben?“, fragte GP weiter.

 

„Das braucht man nicht. Worauf man aber achten sollte, ist, dass die Mittelpunkte, die man liebt, auf Dauer einen Platz in einem bekommen, der garantiert, dass andere ihre Wertigkeit mehr oder weniger behalten.“

 

„Also, dass ein Mittelpunkt kein dominanter Herrscher wird.“

 

„Ja, das ist wichtig für die innere Harmonie.“

 

„Das erinnert mich an Komplexe, von denen wir eben sprachen.“

 

„Mittelpunkte, die alles beherrschen, sind Komplexe.“

 

„Also sollte man versuchen, diese zu verändern oder aufzulösen“, schlug ich vor.

 

„Das ist in aller Regel schwierig. Hat man einen Komplex erkannt und versucht ihn zu bearbeiten, dann trifft dies auf erhebliche Widerstände.“

 

 

„Welche Möglichkeiten gibt es hier?“

 

„Man kann die Psyche des Menschen, also die Mittelpunkte im Gehirn, aufgliedern in zugängliche und schwerer zugängliche.

 

Falls ein Komplex das gesunde Verhalten stört, und man ihn selbst nicht ändern kann, ist es die Aufgabe etwa eines Therapeuten, diesem Komplex Zugang zu verschaffen, um ihn zu ändern bzw. aufzulösen.

 

Die Arbeit des Gehirns läuft in aller Regel unbewusst ab. Bewusst wird sie, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden. Also wenn etwas Wichtiges im Vordergrund steht, tritt das Bewusstsein in Aktion, um den beteiligten Mittelpunkten durch intensivere Wahrnehmung Information zu liefern.“

 

„Und diese Informationen nimmt der verkapselte Komplex nicht an?“

 

„Diese können sehr änderungsresistent sein.

 

Ein Komplex muss aber nicht unbedingt bewusstwerden, damit man ihn ändern kann. Es reicht oftmals, falls es sich um eine erlernte Verhaltensweise handelt, diese wieder zu verlernen.

 

Die Methode, etwa bei der Angst vor dem Überschreiten großer Plätze, besteht darin, zunächst sehr kleine Plätze zu überqueren, die, wenn der Klient dabei weniger Angst verspürt, größer werden können.

 

Bei anderen ist es sinnvoller, nach dem Grund, warum er sich gebildet hat, zu suchen. Dadurch kann man eventuell einen Zugang schaffen, wenn das Bewusstsein einen neuen Mittelpunkt anregt, der Veränderungen herbeiführen kann.“

 

„Du meinst“, sagte GP, „der eine wurde gelernt und könnte wieder verlernt werden. Der andere hat sich irgendwann im Laufe eines Lebens gebildet und könnte durch Wiederfinden bzw. Bewusstmachen bearbeitet werden."

 

„In allen Fällen geht es darum, einen neuen Mittelpunkt zu bilden, der mehr und mehr durch Gefühle verstärkt wird und ein Gegengewicht zu dem Komplex-Mittelpunkt bildet, der den Menschen einengt, bedrückt oder quält.“

 

„Und was ist mit dem Verstand oder der Vernunft?“

 

„Diese können x-mal sagen: ‚Es ist Unsinn, was du machst oder denkst.‘ Solange man das Gefühl nicht überzeugt hat, wird es kaum etwas nützen.“

 

 

„Wie ist es mit den Gefühlen, wenn sie bewusstwerden?“, sprang GP auf das nächste Thema an.

 

„Gefühle sind starke Steuerungselemente im Menschen“, erklärte ich. „Sie entstehen u.a. durch das Erreichen oder Nichterreichen von Zielen.

 

Durch das Erreichen wird der Weg verstärkt, den man eingeschlagen hatte, um auch in einer ähnlichen Situation das Ziel zu erlangen. Bei Nichterreichen eines Zieles werden negative Gefühle ausgelöst, die einen davon abbringen sollen, in Zukunft den gleichen Weg einzuschlagen.

 

Das Bewusstsein gibt diese Informationen an die Ziele des Gehirns weiter, damit sie von deren Netzwerken verarbeitet werden können. Je stärker Gefühle für etwas sind, umso mehr geht der Mensch in diesem Mittelpunkt auf.“

 

„Weil dieser Mittelpunkt durch das Bewusstsein verstärkt wird?“

 

„Ja, etwa wenn wir Musik hören.

 

 Hier wird oft das Qualia-Problem der Philosophen angesprochen.

 

Qualia heißt Qualität, Qualität heißt Wert. Die Qualität eines Wertes ergibt sich aus den Gefühlen, die der Mensch dabei bewusst empfindet.“

 

„Qualia bedeutet also Gefühlswert.“

 

„Ja, der Mensch ist empfänglich für Musik, weil sie Gefühle in ihm erzeugt. Je schöner diese sind, umso mehr Wert haben sie für ihn.“

 

„So entsteht der Wert der Musik aus den Gefühlen, die man dabei verspürt“, sagte GP. „Das ist aber nichts Neues.“

 

Ich nickte. „Dass diese Gefühle aber durch einen Mittelpunkt, ein Ziel im Gehirn ausgelöst werden, ist etwas Neues.

 

Denn so verstehen viele Philosophen dies nicht, weil ihnen die Mittelpunkt-Mechanik unbekannt ist. Sie sagen, dass das Gehirn zwar alle möglichen Informationen wahrnehmen kann, dies aber nicht den Genuss der Musik erklärt, den wir empfinden.

 

Ich sage, dass dieser Genuss durch den Mittelpunkt entsteht, in dem ich bin, wenn ich Musik höre. Dieses Neuronennetzwerk nimmt natürlich nicht nur die Informationen auf, sondern weckt im Bewusstsein Gefühle, die sich in Verbindung mit dieser Musik ergeben.“

 

 

„Je schöner man also Musik empfindet, umso schönere Gefühle werden dadurch entwickelt“, ergänzte GP.

 

„Ja, das ist natürlich auch umgekehrt so: Je schlechter die Musik, umso weniger werden sich positive Gefühle entfalten.“

 

„Und wenn jemand ganz unmusikalisch ist?“

 

„Dann empfindet er in dieser Beziehung so gut wie nichts.“

 

„Inwieweit sich eine Qualia entwickeln kann, hängt also von den Menschen ab, der sie empfängt“, schloss GP. „Die Qualia wird also wechselseitig vom Gehirn und dem Bewusstsein bestimmt. Und darüber hinaus von einem Mittelpunkt des Empfängers, zum anderen von der Qualität des Senders.“

 

Ich nickte erneut. Ganzheitlich empfinden heißt oft, eine Ähnlichkeit empfinden. Das kann man sehr gut an der Musik sehen: Man erkennt eine Melodie, die man im Gedächtnis gespeichert hat, auch wenn sie mit anderen Instrumenten gespielt wird. Es sei denn, die Instrumente treffen nicht den Ton, also das Wesen dieser Melodie.“

 

 

„Warum haben viele Philosophen seit über 200 Jahren Schwierigkeiten, diesen einfachen Mechanismus zu begreifen?“, fragte GP.

 

„Weil sie nichts von der Mittelpunkt-Mechanik wussten, also nicht diesen Schlüssel zum Gehirn hatten, sie sich das Bewusstsein als etwas letztlich nicht zu Begreifendes vorstellten, und weil Gefühle in ihren Themen oft nur Nebensache waren. Dies gilt speziell für die Anhänger des Philosophen Kant, der die Gefühle als ‚Gegner der Vernunft‘ darstellte.

 

Dabei haben Gefühle natürlich einen sehr hohen Stellenwert für den Menschen – nicht nur im negativen, sondern natürlich auch im positiven Sinn. Sie sind starke Helfer der Ziele – also der Mittelpunkte. Sie steuern den Menschen und sind nicht wirklich immer unvernünftig. Was wäre der Mensch ohne die Gefühle?“

 

„Philosophen können schon zu merkwürdigen Schlüssen kommen“, schüttelte GP den Kopf.

 

Ich schwächte es mit meinem Motto etwas ab: „Was geschah, musste geschehen, wie es geschah.“

 

 

 

„Warum hat das Bewusstsein einen so hohen Stellenwert für viele Menschen?“, fragte er noch einmal.

 

„Weil diese oft glauben, sie würden alles damit entscheiden. Ihnen ist nicht klar, dass die Ziele des Gehirns in ihnen entschieden haben.

 

Dessen wollen sie sich wohl auch gar nicht klarwerden, weil sie befürchten, dann nicht mehr die Kontrolle über sich zu haben.“

 

„Aber haben die Menschen denn überhaupt Kontrolle über sich mit ihrem Bewusstsein? Nach allem, was du ausgeführt hast, ist das Gehirn unendlich vielfältig und entscheidet alleine und oft ganzheitlich durch die Ziele.“

 

„Kontrolle bedeutet, dass man etwas Steuern kann. Das läuft so ab, dass das Bewusstsein Information an das Gehirn gibt, dass z.B. etwas nicht stimmt. Das Gehirn versucht in der Regel dann, dieses nicht Stimmige zu korrigieren, wenn es denn tatsächlich nicht zu den Zielen des Gehirns passt.

 

Die gesamte Kontrolle über sich zu haben würde bedeuten, alle Ziele regieren zu können. Alleine aufgrund ihrer Vielzahl wäre dies unmöglich. Und noch unmöglicher wäre es, sämtliche Wechselwirkungen zwischen den Zielen zu kontrollieren, die sich gegenseitig beeinflussen und verändern. Darüber hinaus gibt es viele Mittelpunkte, die eine gewisse Stärke haben, und sich nicht einfach vom ICH regieren lassen, wie etwa der Lebenstrieb.

 

Viele Menschen unterliegen dieser Kontrollillusion und glauben, Vorgänge mit dem Bewusstsein kontrollieren zu können, die nachweislich nicht beeinflussbar sind.

 

 

Ich möchte mal fragen: Was wäre denn so schlimm, dem Gehirn die Entscheidung zu überlassen? Denn hier ist doch alles darauf ausgelegt, zu überleben.“

 

GP nickte nachdenklich.

 

„Je wichtiger eine Entscheidung ist, umso stärker wird sie bewusst“, wiederholte ich noch einmal. „Da den Menschen also jedes Mal diese Entscheidungen ins Bewusstsein kommen, sind sie der Meinung, dass sie selbst mit ihrem Bewusstsein entscheiden.

 

Darüber hinaus wussten die Menschen bis ins 18. Jahrhundert wenig über das Gehirn. Das änderte sich im 19. und besonders im 20. Jahrhundert, in denen der Siegeszug der Computer einsetzte. Dadurch wurden nichtinvasive Methoden wie etwa EEG (Elektroenzephalografie), MRT (Magnetresonanztomographie), fMRT (funktionelleMagnetresonanztomographie),PET(Positronenemissionstomographie) und CT(Computertomographie) kreiert. Diese Verfahren erlauben einen Einblick in das Gehirn und lieferten so Fakten, die vorher nicht bekannt waren.

 

Die alten Vorstellungen über das Bewusstsein, die Tausende von Jahren gelehrt wurden, sitzen aber noch heute in den Köpfen der Menschen und sind schwer zu ändern.“

 

 

„Ich möchte noch mal kurz auf die Kontrolle zurückkommen“, sagte GP. „Das Bewusstsein hat also schon eine gewisse Kontrolle. Zwar nicht über die augenblickliche Entscheidung des Gehirns, aber es kann kontrollieren, ob diese Entscheidungen in der Praxis sinnvoll waren. Fällt ihm auf, dass sie nicht passen, dann wird das Gehirn diese neuen Fakten eventuell berücksichtigen und mögliche, andere Entscheidungen treffen.“

 

„Genauso ist es“, ich nickte. „Wenn etwas aus der Sicht des Gehirns, also der Ziele, nicht stimmt.“

 

„Könnte man sich nicht trotzdem schon in dem Moment, in dem man die Entscheidung des Gehirns ausführt, selbst beobachten?“

 

„Das ist schwierig, weil es die Durchführung verzögert. Dies ist in aller Regel erst im zweiten Moment möglich, nachdem sich der erste Mittelpunkt ausgeführt hat, weil der alles andere ausschließt, um sich zu verwirklichen. Denn man kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Konzentriert man sich auf zwei, dann wechselt die Aufmerksamkeit jeweils in kurzen Augenblicken.“

 

„Du meinst, man kann sich auch im ersten Moment beobachten, aber stört den Fluss dessen, was man machen will. Weil dieser Mittelpunkt nicht mehr ‚frei‘ ist?“

 

„Ja, man, oder genauer: das Gehirn greift mit einem anderen Mittelpunkt, einem Ziel in den Ablauf des ersten ein und verzögert bzw. verändert ihn.

 

Diese Mechanik kann aber auch eine große Chance sein, wenn man sein Verhalten ändern will: Damit ein Mittelpunkt die maximale Durchschlagskraft hat, dürfen andere Mittelpunkte, die nicht dazu passen, keinen Einfluss haben.

 

Hier wäre der Ansatzpunkt für die Selbstbeeinflussung: Die Beobachtung mit einem anderen Mittelpunkt stört die Ausführung des ersten und nimmt ihm dadurch Energie.

 

Ein Beispiel: Sportler, die Höchstleistungen erzielen wollen, konzentrieren sich total auf ihr Ziel, sind also absolut in diesem Mittelpunkt. Dadurch werden alle andern so gut wie völlig außer Kraft gesetzt, haben keinen Einfluss auf das augenblickliche Verhalten. Wenn dem Sportler jetzt etwas in den Kopf kommt, etwa: ‚Ich kann das nicht schaffen‘ oder etwas völlig Abwegiges: ‚Wie kann ich meine Eheprobleme lösen?‘, die ja jeweils Mittelpunkte sind, dann verliert der Mittelpunkt der Ausführung an Kraft.

 

Oder zum Beispiel, wenn jemand süchtig ist und Alkohol trinkt. Auch er ist im Moment der Ausführung in diesem Mittelpunkt: der Griff zur Flasche, das Trinken, die Gefühle, die dies in ihm erzeugt. Kann er sich aber bei der Tätigkeit, die er gerade macht, und den Gefühlen, die das Trinken in ihm auslöst, beobachten, könnten diese an Kraft verlieren.“

 

 

„Du meinst“, überlegte GP, „dies würde dem Mittelpunkt in dem Moment etwas von seiner Durchschlagskraft nehmen?“

 

„Ja, jeder totale Mittelpunkt ist darauf angewiesen, dass alles andere, was nicht dazugehört, bis nahe null herabgesetzt wird. Mischt sich etwas ein, dann wird ihm Energie entzogen.“

 

„So könnte man sich tatsächlich durch Beobachtung selbst beeinflussen.

 

„Ja“, ich nickte, „wenn man das Prinzip der Mittelpunkt-Mechanik verstanden hat. Das ergibt ein großes Feld der Einflussnahme auf das eigene Verhalten durch entsprechende Ziele, die man selbst kreiert.“