Das Gehirn trifft letztlich die Entscheidungen – nicht das Bewusstsein

 

Da ich mich im Laufe der Jahre mit unzähligen Menschen über diese Themen unterhalten habe, und deren Meinungen oft in meine Manuskripte Eingang gefunden haben, nenne ich die GesprächspartnerInnen hier wertneutral GP.

 

„Du sagst, Bewusstsein ist eine Verstärkung der Sinne“, fasste GP zusammen. „Und du meinst, es trifft keine Entscheidungen.“

 

„Bewusstsein ist intensives wahrnehmendes Erleben mit unseren Sinnen, mittels einer willkürlichen oder unwillkürlichen Konzentration, um den Zielen[1] im Gehirn[2] möglichst genaue Informationen zu liefern“, nickte ich.

 

„Das ist eine Beschreibung, die den meisten Menschen wohl fremd ist.“

 

„Weil sie in ‚Bewusstsein‘ die ganze ‚Freiheit des Menschen‘ hineinprojizieren, ohne diese im Einzelnen unter die Lupe nehmen.“

 

„Du meinst, dabei würde letztlich herauskommen, dass es lediglich ein Informationsübermittler für das Gehirn ist?“

 

„Mit Sicherheit. Die Sinne können nur erleben und nicht entscheiden. Das Gehirn reagiert, steuert und entscheidet, kann aber nicht erleben.

 

Wichtig ist zu wissen: Leben heißt immer auch: Gefühle erleben. Und dass das Gehirn der Speicher der Gefühle ist, die mit den jeweiligen Neuronennetz­werken verbunden sind.“

 

„Aber warum braucht man überhaupt das Bewusstsein, denn die Informationen von den Sinnen könnten doch auch ohne es im Gehirn gespeichert werden?“

 

„Die Informationen müssen erst mal wahrgenommen[3], erlebt werden.

 

Wie gesagt: Das Gehirn nimmt nicht wahr. Es baut uns nur die Welt nach seinen Zielen auf. Das heißt, die Aufmerksamkeit nimmt sie aus dieser Perspektive auf, erlebt sie mit der jeweils vorhandenen Realität und überträgt die Informationen an das Gehirn.

 

Darum müssen wir Aufmerksamkeit und, in Verstär­kung, Bewusstsein haben.

 

Die Welt ist ja im Grunde nicht so, wie wir sie sehen, sondern immer so, wie unser Gehirn sie uns zeigt.[4]

 

Dies ist vielen Menschen nicht klar. Für sie ist die Welt so, wie sie selbst und andere sie (scheinbar ebenfalls) sehen: gleich.

 

Dass Ziele im Gehirn die jeweilige Welt machen, ist ihnen in aller Regel fremd und unvorstellbar. Daher beachten sie es nicht weiter, bleiben bei ihrer alten Sicht.“

 

„Aber ich kann doch selbst entscheiden, ob ich z. B. meinen Kopf jetzt rechts oder links drehe,“ argumentierte GP.

 

„Natürlich kannst du es. Aber wie du selbst sagst: Dein ICH[5], das sich im Gehirn befindet, trifft diese Entscheidung und nicht dein Bewusstsein; dies nimmt nur wahr.“

 

 

„Du meinst, mein ICH gibt den Anstoß, meinen Kopf zu drehen, und nicht mein Bewusstsein?“

 

„Ja sicher. Das müsste klar sein:

 

Dein Bewusstsein ist nicht dein ICH!

 

Es gibt noch ein anderes Verständnishindernis in der Form, dass oft behauptet wird, Anorganisches, also Materie, könnte nichts Organisches erzeugen.

 

Dazu möchte ich sagen: Die ersten organischen Verbindungen entstanden vor Milliarden von Jahren aus anorganischen Substanzen. Daraus entwickelten sich im Lauf der Zeit immer komplexere Lebensformen mit differenzierten Funktionen, zu denen auch das Gehirn gehört.

 

Hier befinden sich nicht nur etwa Atome etc., sondern insbesondere auch Neuronen, Synapsen usw., die die körperlichen und geistigen Funktionen des Menschen steuern.

 

Der Anpassungsdruck des Lebens erzeugt Ziele. Das Gehirn bildet Neuronennetze, um diese auszuführen.

 

 

Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass ausschließlich Ziele im Gehirn den Menschen steuern. Sie glauben, sie steuern sich selbst (mit ihrem freien Willen und ihrem Bewusstsein). Dies können sie nicht beweisen, so bleibt es bei einem Gefühl, dass es so ist und sich festgesetzt hat.

 

So können sie auch nicht wahrnehmen, dass in diesem Fall das Ziel ihres Glaubensgefühls (dieser Mittel-punkt[6]) es verursacht.

 

Und: Es werden nicht nur die Wahrnehmungen gespeichert, sondern, wie gesagt, auch die dadurch entstehenden Gefühle. Je stärker sie sind, umso intensiver haben wir sie mit unserem Bewusstsein erlebt.“

 

„Bewusstsein erlebt, das Gehirn reagiert, steuert und entscheidet“, rekapitulierte GP.

 

Ich nickte. „Das Gehirn zeigt uns aufgrund seiner Ziele die Welt – das Bewusstsein erlebt diese Welt und sendet die Informationen an das Gehirn.“

 

„Dann müsste sich, deiner Argumentation folgend, ja auch die Welt, die wir sehen, ändern, wenn diese Ziele eine entsprechende Wertigkeit haben, weil sie sich geändert haben und wir die Welt dann anders sehen!“

 

„Exakt so ist es; wir nehmen sie anders wahr. Dies bemerken wir in der Regel nicht, weil diese Veränderungen für das Gehirn selbstverständlich und folgerichtig sind.

 

Lass mich kurz einmal den Ablauf skizzieren:

 

  • Das Gehirn zeigt uns die Welt nach seinen Zielen.
  • Das Bewusstsein sieht sie in dieser Form plus das, was dann die Sinne aufnehmen.
  • Diese Informationen sendet es an das Gehirn.
  • Dieses zeigt uns dann die Welt, die sich durch die Informationen eventuell verändert hat.
  • Das Bewusstsein sieht sie daraufhin in dieser Form plus das, was jetzt die Sinne aufnehmen.
  • Diese Informationen sendet es wieder an das Gehirn.

 

Diese Sequenzen wiederholen sich ständig. Je nach Wertigkeit mit der normalen Aufmerksamkeit oder mit verstärkten Sinnen (Bewusstsein).

 

Das kann jeder in jeder Situation nachvollziehen: Was man z. B. sieht, wird zunächst ausschließlich vom Gehirn gemacht. Dann erleben wir es mit unseren Sinnen. Dies wird an das Gehirn gesendet, das es verarbeitet. Und der Aufmerksamkeit dann, je nach der Abweichung, eine korrigierte Sicht zeigt.

 

Das Bewusstsein bzw. die normale Aufmerksamkeit kann die Welt nicht deuten, weil es nicht die Informationen des Gehirns besitzt. Das Gehirn kann nicht erleben, braucht diese Informationen des Bewusstseins, um seine Deutung der Welt eventuell zu korrigieren.

 

Der zentrale Punkt alles Lebendigen ist die Erhaltung des Lebens. Das funktioniert am besten, indem man erlebt. Und dies wiederum sind wichtige Informationen für das Gehirn, die es mit den jeweiligen Ereignissen koppelt und speichert. Ohne das Bewusstsein könnte man dies nicht erleben, denn, wie gesagt, das Gehirn allein kann dies nicht.

 

Kommt eine ähnliche Situation vor, dann werden auch die entsprechenden Gefühle wieder aktiviert.

(Die Gefahr dabei ist, wenn man die augenblickliche Situation nicht bewusst wahrnimmt, dass man nicht auf das Jetzt, sondern nach dem Damals reagiert.)"

 

 

„Es geht also um Aufmerksamkeit“, überlegte GP.

 

Ich nickte. „‚Aufmerksamkeitʻ heißt, ‚bei der Sache‘ zu sein. ‚Bewusstseinʻ heißt, die Aufmerksamkeit zu intensivieren. Letzteres tritt in der Regel viel weniger auf. 

 

Jedenfalls: Das Bewusstsein wäre auch gar nicht in der Lage, ohne das Gehirn abschließend ein Urteil zu bilden, weil die Menge der Faktoren dafür viel zu groß und variabel ist, um Entscheidungen bezüglich der notwendigen Aktivitäten und Handlungen treffen zu können. Es wäre schlicht überfordert.

 

Es müsste Prozesse, wie sie sich ständig im Gehirn abspielen, selbst generieren und steuern.“

 

„Das wäre wohl kaum möglich“, stimmte GP zu.

 

„Daraus folgt: Das Gehirn urteilt. Was man mittels des Bewusstseins durch Wahrnehmung aufnimmt, kann, je nach Wertigkeit, eventuell die Entscheidung beein­flussen. Denn alle Informationen können Einfluss auf das Gehirn haben – solange dies offen und flexibel[7] ist.

 

Inwieweit sie aber greifen, entscheidet das Gehirn. Je besser man dessen Funktionen, Werte und Möglich­keiten kennt, umso mehr Einfluss kann man auf das ICH und den Willen nehmen (die sich ja beide ebenfalls im Gehirn befinden).

 

„Also: ‚Erkenne dich selbst‘?“

 

„Erkenne deine Psyche[8].

 

 Wer sich selbst beobachtet, wenn er etwas bewusst aufnimmt, wird feststellen, dass dabei seine Sinne stark aktiviert werden. Sehr viel stärker, als wenn es nur um allgemeine Aufmerksamkeit geht.

 

Man nimmt das Leben mit seinen Sinnen auf, und wenn etwas Besonderes passiert, z. B. etwas Interessantes, Gefährliches, emotional Bewegendes, dann nimmt man es zusätzlich intensiv mit seinem Bewusstsein, also mit verstärkten Sinnen auf.

 

Beschäftigt sich der Mensch mit einem speziellen Thema, dann braucht er gezielte Informationen.“

 

„Das jeweils gebildete Ziel konzentriert sich gegebenenfalls also auf das Thema, und das Bewusstsein liefert dem Gehirn durch intensive Wahrnehmung genauere Fakten“, schloss GP.

 

„Zum Beispiel das Denken[9]“, erläuterte ich. „Das Bewusstsein sucht aufgrund eines Reizes oder einer Frage nach Informationen in der Außen- bzw. Innenwelt und schickt jede einzelne sofort an das Gehirn. Dies sucht nach Erfahrungen oder Ähnlich­keiten. Diese Zwischenergebnisse werden einem wieder bewusst usw. Das Wechselspiel geht so lange, bis man ein stimmiges Gefühl hat oder nicht mehr weiterkommt. Das Endprodukt des Denkens wird vom Gehirn formuliert und erst Bruchteile von Sekunden oder später bewusst.“

 

GP überlegte. „Was dabei herauskommt, wird also vom Gehirn entschieden bzw. formuliert?“

 

„Ja, von dem Neuronennetz eines Zieles, das die letztendliche Entscheidung trifft und alle anderen nicht relevanten Neuronennetze ausschließt.

 

Der Grund, dass der Mensch glaubt, er habe sich mit seinem Bewusstsein entschieden, liegt in der sehr kurzen Zeitspanne – oft sind es nur Millisekunden – zwischen der Entscheidung des Gehirns und dem Bewusstwerden.

 

Bezüglich wichtiger Themen findet immer ein Wechselspiel zwischen Gehirn und Bewusstsein statt, weil das Gehirn nur eine begrenzte Anzahl von aktuellen Informationen besitzt und darauf angewiesen ist, dass das Bewusstsein als Verstärker der Sinne eventuell neue Fakten hinzufügt.“

 

„Nur die wichtigsten Sachen werden also bewusst?“

 

„Ja.“.

 

„Wer entscheidet, was wichtig ist?“

 

„Die Ziele.“

 

 

„Es gibt viele Menschen, die behaupten, man entscheide alles mit seinem Bewusstsein“, kam GP noch einmal auf dieses Thema.

 

„Es ist unglaublich, was es alles bedeuten soll“, sagte ich. „Wenn man einmal die Definitionen durchforstet, liest man: das Wissen von bestimmten Fakten, das Erinnern an bestimmte Ereignisse, Summe der Überzeugungen und Standpunkte usw.

 

Und sinnverwandte Wörter für das Bewusstsein sollen etwa sein: Intelligenz, Erinnerung, Überzeugung.

 

Alle diese Definitionen treffen exakt auf das Gehirn zu. Wenn man aber das Bewusstsein einmal überprüft, was es davon repräsentiert, sucht man vergebens. Weil es nicht dafür geschaffen ist, dies mit sich herumzutragen und es auch gar nicht kann.“

 

„Die Menschen sagen also, dass sie sich selbst steuern mit ihrem Bewusstsein, weil sie sich nicht selbst genau beobachten, weil diese Ansichten für sie selbst­verständlich sind. Sie plappern einfach nur nach, aus Gewohnheit, was andere Menschen sagen bzw. was sie mal gelernt haben. Dazu gehört auch, das Wort Bewusstsein unreflektiert zu gebrauchen.“

 

„Das trifft den Nagel auf den Kopf“, bestätigte ich.

 

„Sie nehmen es einfach so hin.“

 

„Ja, weil sie die Aussage, dass der Mensch ein von Zielen geleitetes Wesen ist, entweder noch nicht gehört haben oder aber nicht hören wollen. Entsprechend forschen sie in dieser Beziehung auch nicht nach.

 

Ein wesentliches Hindernis ist, wie gesagt, dass sie die Rolle des Bewusstseins nicht richtig einordnen können oder wollen. Auch dafür liegt der Grund in der Vergangenheit und in den immer noch zu hörenden Meinungen, dass das Bewusstsein etwas ist, das nur Menschen haben, und diese sich damit steuern.

 

--- Bewusstseinserweiterung ---

 

Nebenbei: Auch der Ausdruck ‚Bewusstseins-erweiterung‘ kommt aus dieser Einstellung. Ohne sich darüber im Klaren zu sein, sagt man damit: Die verstärkten Sinne sollen mehr Informationen aufnehmen als üblich (was wohl auch nicht falsch wäre).“

 

„Menschen, die dieses Wort gebrauchen“, bemerkte GP, meinen damit wohl mehr eine Art von spirituellen, metaphysischen Erfahrungen.“

 

„Sicher. Wenn sie so ein Ziel in sich erzeugen, dann wird sich ein Mittelpunkt bilden, der ihnen dies Gefühl gibt. Dies geschieht natürlich nur in ihren Gehirnen.

 

 

Jedenfalls“, fuhr ich fort, „die Experimente von Libet[10] und anderen (wissenschaftliche Schriften von Benjamin Libet, 1983; Keller und Heckhausen, 1990; Haggard und Eimer, 1999; Miller und Trevena, 2002 u. a.) zeigen eindeutig, dass, bevor von einer Person scheinbar eine Entscheidung mit dem Bewusstsein getroffen wurde, das Gehirn diese Entscheidung bereits gefällt hat. Man kann also nicht bestreiten, dass das Gehirn entscheidet und nicht das Bewusstsein.

 

Eine besondere Schwierigkeit war, dass man es in früheren Zeiten nicht genau definieren konnte: Bewusstsein war ein Etwas, das zwar nicht im Gehirn gefunden wurde, aber, so meinten die Menschen, die eigenen Handlungen steuert. Denn der Glaube an Übersinnliches, in diesem Fall ein ‚Bewusstsein-Geistwesen‘ war weit verbreitet.

 

Sie nahmen das Bewusstsein als metaphysischen Geist, ähnlich dem Geist Gottes, ohne es weiter zu hinter-fragen.

Die Tatsache, dass das Gehirn entscheidet, ist durch die Experimente von Libet und anderen Wissenschaftlern eindeutig dargelegt worden. Die sogenannte ‚Freiheit des Bewusstseins‘ ist niemals belegt worden.“

 

„Aber warum halten gebildete Menschen auch heute noch an ihrer Version, dass dieses alles entscheidet, fest?“

 

„Es passt gut in ihr Weltbild und wurde seit jeher angesehen als Erkenntnis- und Entscheidungsinstanz. Man war und ist sich sicher, dass damit die gesamte wahre Welt erkannt werden konnte. Früher erklärte einem das Gehirn, dass die Welt eindeutig sei – um damit gut umgehen zu können – und sie von dem Menschen mit seinem Bewusstsein wahrgenommen und erkannt werden könne. Das hob den Menschen natürlich weit über die Tiere hinaus. Dieser Glaube ist spätestens seit dem Aufkommen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik und ihrer experimentellen Bestätigung vorbei: Die Welt ist weder eindeutig noch aus jeder Perspektive gleich. Geblieben aber ist in etlichen Menschen die Vorstellung vom Bewusstsein, das die Entscheidung trifft, weil dies ja, ihrer Logik folgend, alles erkennt. Diese Logik schließt natürlich das Gehirn – als Entscheider – aus.

 

Aber das Bewusstsein ist lediglich eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Gehirn und der Außenwelt“, erklärte ich weiter. „Nur mit seinen Sinnen – und es ist ja eine Verstärkung dieser – ist es dem Gehirn möglich, gezielte Informationen von außen und natürlich auch von innen zu bekommen.“

 

„Ist also etwas wichtig, dann werden die Sinne verstärkt und das Bewusstsein kommt ins Spiel“, wiederholte GP.

 

„Stell dir vor, du hättest das Ziel, eine wichtige Entscheidung zu treffen, zu wählen oder ein Urteil aufgrund relevanter Fakten auszusprechen, und das alles solltest du in jeder einzelnen Sequenz nur mit deinem Bewusstsein machen, wie viele Menschen annehmen.

 

Oder nehmen wir die Sprache, diese läuft ja automatisch ab. Man hat gelernt, wie man am besten spricht, sich artikuliert usw. Ein geübter Sprecher konzentriert sich natürlich nicht auf die einzelnen Punkte der Sprache, sondern das Bewusstsein konzentriert sich auf das Thema, um das es geht.

 

Das Sprechen, die Gestik, die Mimik, die man macht, dies alles ist im Laufe des Lebens erlernt und vom Gehirn gespeichert worden und kommt, wenn man sich unterhält, zum Ausdruck. Da hat das Bewusstsein nichts mit zu tun, es sei denn, man verhält sich verkehrt, macht Fehler, dann wird es in der Regel sofort aktiv und liefert entsprechende Informationen an das Gehirn. Dieses versucht dann, eine Korrektur oder Verhaltensänderung herbeizuführen.

 

Stell dir vor, du müsstest alle deine Worte nur mit deinem Bewusstsein wählen. Zum Beispiel auf einer Party. Und frag dich jetzt mal, was du davon wirklich bewusst steuerst. Das heißt: Wie du deine Bewegungen einsetzt, wie du sprichst, die Mimik usw.“

 

„Das ist tatsächlich unmöglich, dazu braucht man die erlernten Routinen aus dem Gehirn“, stimmte GP mir zu.

 

„Du sagst, nur die relativ wichtigsten Sachen kommen einem ins Bewusstsein. Aber wie ist es denn, wenn ich gerade mit einem wichtigen Thema beschäftigt bin und konzentriere mich darauf und plötzlich kommt mir etwas ins Bewusstsein, das mit dem augenblicklichen Mittelpunkt nichts zu tun hat?“

 

„Nun, das Gehirn ist hier von einem Mittelpunkt zu einem anderen gesprungen, weil dieser die Aufmerksamkeit in Anspruch nahm oder weil der bisherige vielleicht einfach von selbst lief und nicht mehr das Bewusstsein brauchte. Oder der andere Mittelpunkt schien dem Gehirn in dem Augenblick wichtiger, weil etwa eine Frage, die schon lange in einem lag, jetzt beantwortet werden konnte. Dies kommt nicht selten bei kreativen Menschen[11] vor.

 

 

Nebenbei: Dazu fällt mir ein, wenn man etwas vergessen hat, was man gerade wollte, dann kann es helfen, sich manchmal zu fragen: ‚Welches Ziel hatte ich gerade?‘“

 

„Du meinst, man ist dann zu einem anderen Mittelpunkt gesprungen, und wird von dem vorhergehenden weniger gestaltet?“

 

Ich nickte. „Es ist wie beim Priming[12].

 

Und generell gilt: Eine sehr starke Konzentration ist immer nur für eine eingeschränkte Zeit möglich, weil sie ab einem gewissen Punkt, physiologisch bedingt, nachlässt.“

 

 

„Und sonst lebt man ohne Bewusstsein?“, fragte GP. „Wenn alles läuft und keine neuen Fakten hinzukommen?“

 

Ich lachte. „Die meiste Zeit läuft tatsächlich alles automatisch ab, das Bewusstsein ist dann quasi im Bereitschaftszustand, es herrscht während dieser Zeit die normale Aufmerksamkeit, wird aber sofort wieder aktiv, wenn etwas Wichtiges auftritt. In der Regel ist dies weit weniger der Fall, als man meinen sollte. Darüber hinaus lernt das Gehirn hinzu, und das Neue wird meist schnell zur Routine, sodass das Bewusstsein dann in dieser Intensität nicht mehr gebraucht wird.

 

Wenn man sich beobachtet, wird man dies bestätigen können. Im täglichen Leben begegnet man in der Regel nicht ständig etwas aufregend Neuem oder wichtigen Ereignissen.

 

  • Die Aufmerksamkeit hat also die Aufgabe, ‚bei der Sache‘, in den jeweiligen Mittel­punkten zu sein.
  • Das Bewusstsein, sich gegebenenfalls zu konzentrieren, um dem Gehirn die Infor­mationen, die als sehr relevant eingeschätzt werden, nachdrücklich zu vermitteln.“

 

„Das Bewusstsein wird also immer mit intensiver Aufmerksamkeit dann aktiv, wenn etwas sehr wichtig ist“, wiederholte GP.

 

„Ja. Je nachdem, auf was die Aufmerksamkeit gerichtet wird, bekommt dies einen Wert, der den Menschen gestaltet oder anders gesagt, strukturieren kann. Es handelt sich hier zunächst um die normale Aufmerksamkeit. Ist etwas besonders wichtig, dann spricht man von einem bewussten Aufnehmen.

 

Grob gesagt: Hier arbeitet das Bottom-up – die nachhaltige Informationsaufnahme (bis ca. 28 Jahre), die zur Wertgestaltung des jeweiligen Menschen dient. Danach erfolgt das Bottom-down – das Agieren mit sich gefestigten Informationen. (Aus der erfolgten Wertgestaltung agiert man.)

 

Nebenbei: Der Inhalt dieser erworbenen Informationen und Werte ist allerdings in aller Regel nur marginal wissenschaftlich abgesichert.

 

Das Bewusstsein weckt oder generiert Ziele aufgrund wichtiger Werte im Gehirn, wenn diese besonders berührt werden. Zum Beispiel: Überleben, neue Orientierung, gesellschaftliche Anerkennung.

 

Ist es überfordert oder man langweilt sich, dann kommt man ins Träumen.

 

In dem Moment aber, wenn man z. B. seine gewohnte Umgebung verlässt, wird auch die Aufmerksamkeit bzw. das Bewusstsein aktiver. Weil neue Fakten oder Eindrücke wichtig für das Gehirn sind, um sich zu orientieren. Bilder und Bewegungen werden bevorzugt bewusst wahrgenommen.“

 

 

„Welcher Mechanismus mag dahinterstecken, wenn man mit einem Thema nicht weiterkommt, obwohl man meint, die Lösung zu wissen?“, fragte GP nun.

 

„Es ist ein Mittelpunkt, der blockiert. Man hat sich z. B. verrannt, und in dieser Sackgasse kreisen die Gedanken. Der gleiche Mechanismus greift, wenn man etwa von Wut[13] beherrscht wird. Allgemein gesagt: Immer wenn ein Mittelpunkt da ist, der andere stark einschränkt.“

 

 

„Da fällt mir ein“, sagte GP, „wenn man dann darüber geschlafen hat, fällt einem die Lösung oft am nächsten Tag ein.“

 

„Das kommt, weil der blockierende Mittelpunkt in der Zwischenzeit an Wert verloren oder sich aufgelöst hat. Man hat Abstand gefunden. Im Schlaf hat das Gehirn die Aufgabe, die Erfahrungen des Tagesgeschehens zu integrieren, zu lernen und unter Umständen eine andere Sicht durch Umstrukturierung zu erzeugen. Dazu benutzt das Gehirn bevorzugt die Kreativität, in die die Mittelpunkte des Tagesgeschehens nicht störend eingreifen können.“

 

„Man sieht die Dinge in einem anderen Licht“, überlegte GP.

 

„Ja, die Einstellung ändert sich. Mit anderen Worten: Die übrigen Mittelpunkte, die mit diesem Thema assoziiert sind, wurden neu bewertet oder es kamen andere hinzu. Es sei denn, dieser Sackgassen-Mittelpunkt wirkt in der gleichen Form weiter. Dann hat man sozusagen einen Komplex.

 

Nebenbei: Wir alle wissen, dass das Gehirn und besonders das Gefühl sich täuschen können. Daher sollte man, bevor man etwas Wichtiges entscheidet, eine Nacht darüber schlafen.“

 

--- Komplexe ---

 

„Erkläre ‚Komplex‘ bitte noch mal.“

 

„Es ist ein Mittelpunkt, also ein Neuronennetz, das unfähig ist, sich anzupassen und Änderungsversuchen einen starken Widerstand entgegensetzt.“

 

„Er hat sich verkapselt?“

 

„Ja, im Gegensatz zu den Mittelpunkten, die immer dazulernen können.

 

Oder zu den Clustern. Das sind Neuronennetze, die gelernte oder angeborene Abläufe ausführen und anpassungsfähig sind – wie das Saugen des Kleinkindes an der Mutterbrust, zu laufen oder das Zubinden der Schuhe.“

 

„Ein Cluster ist also ein Mittelpunkt, der u. a. für Routinen zuständig ist, wie Bewegungsabläufe, immer wiederkehrende Handlungen, gelernte Reaktionen. Kannst du ein anschauliches Beispiel geben?“, hakte GP nach.

 

„Nun, etwa ist ein Tic – eine kurze und nicht beeinflussbare motorische Kontraktion einzelner Muskeln im Gesicht – ein Komplex. Dagegen ist die normale Mimik ein Cluster.“

 

„Es gibt, wie du schon sagtest, sehr viele Cluster in einem – Fertigkeiten, gelernte Abläufe, Handlungs-weisen, Einstellungen usw.

 

Kann man sagen: Komplex bedeutet eingeschlossen?“

 

„Ja, er umgibt sich mit Mauern. Er hat das Ziel, bestimmte Einstellungen, Haltungen, Reflexe unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, und beeinflusst andere Mittelpunkte mit seiner Eigenart, das, was er in einer bestimmten Situation einmal gelernt hat, beizubehalten.“

 

„Das heißt“, überlegte GP, „er ist starr und agiert nicht wie andere Mittelpunkte, die flexibel sind und im Konzert der Ziele des Gehirns mitspielen.“

 

„Ja, er agiert nicht wie die gesunden Mittelpunkte, lernt nicht dazu und stört somit die Flexibilität, die Anpassung des Gehirns. Das ist natürlich ungünstig. Die Außenwelt verändert sich ständig. Zentraler Punkt des Lebens allgemein und die daraus resultierende Anforderung sollte sein, dass sich der Mensch diesen Veränderungen anpasst.

 

Das ist in der Regel ja auch der Fall. Komplexe verhindern dies aber, ebenso wie etwa Vorurteile[14], Verblendung, Starrsinn, Intoleranz[15]. Und besonders Fanatismus oder Dogmatismus.“

 

„Dies findet man ja recht häufig“, bemerkte GP.

 

--- Weltsicht ---

 

„Da habe ich noch mal eine Frage“, fuhr er fort „Abgesehen von der offensichtlich nicht zu widerleg­baren Tatsache, dass alles aus Substanzen besteht, die nach Gesetzen[16] ablaufen: Wie könnte man sich erklären, dass es Menschen gibt, die glauben, ihre Sicht der Welt sei die einzig wahre?“

 

„Das sieht man besonders deutlich bei Extremisten, Fanatikern, Strenggläubigen, Menschen, die wie vernagelt sind“, ich nickte.

 

„Aber auch die anderen ‚normalen‘ Menschen haben feste Ziele. Dies sind ihre Anker[17], also ihre Bezugspunkte, von denen aus sie agieren und die Welt bewerten.“

 

Wer sich im Klaren ist, dass seine Perspektive nur eine von vielen möglichen ist, der läuft weniger Gefahr, dass ihm das Aufgeben eines Mittelpunktes den Boden unter den Füßen wegzieht.

 

Viele Menschen weigern sich, einen Mittelpunkt aufzugeben, auch wenn es ihnen dämmert, dass dieser schädlich für sie ist. Unter anderem deswegen, weil sie Angst haben, ihren Halt zu verlieren.“

 

„Aber muss man seine besonderen Mittelpunkte denn aufgeben?“, fragte GP weiter.

 

„Das braucht man nicht unbedingt. Worauf man aber achten sollte, ist, dass die Mittelpunkte, die man z. B. liebt, auf Dauer einen Platz in einem bekommen, der garantiert, dass andere ihre Wertigkeit mehr oder weniger behalten.“

 

„Also, dass ein Mittelpunkt kein dominanter Herrscher wird.“

 

„Ja, das ist wichtig für die innere Harmonie.“

 

„Das erinnert mich an Komplexe, von denen wir eben sprachen.“

 

„Mittelpunkte, die nicht selten alles beherrschen, kann man als Komplexe ansehen.“

 

„Also sollte man versuchen, sie zu verändern oder aufzulösen“, schlug ich vor.

 

„Das ist in aller Regel schwierig. Hat man einen Komplex erkannt und versucht, ihn zu bearbeiten, dann kann dies auf erhebliche Widerstände treffen.“

 

„Welche Möglichkeiten gibt es hier?“

 

„Man kann die Psyche des Menschen, also die Mittelpunkte im Gehirn, aufgliedern in zugängliche und schwerer zugängliche.

 

Falls ein Komplex das gesunde Verhalten stört und man ihn selbst nicht ändern kann, ist es die Aufgabe etwa eines Therapeuten, diesem Komplex Zugang zu verschaffen, um ihn zu ändern bzw. aufzulösen.

 

Die Arbeit des Gehirns läuft in aller Regel unbewusst ab. Bewusst wird sie, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden. Also wenn etwas Wichtiges im Vordergrund steht, tritt das Bewusstsein in Aktion, um den beteiligten Mittelpunkten durch intensivere Wahrnehmung Information zu liefern.“

 

„Und diese Informationen nimmt der verkapselte Komplex nicht an?“

 

„Diese können sehr änderungsresistent sein.

 

Ein Komplex muss aber nicht unbedingt bewusst werden, damit man ihn ändern kann. Es reicht oftmals, falls es sich um eine erlernte Verhaltensweise handelt, diese wieder zu verlernen.

 

Die Methode, etwa bei der Angst vor dem Über­schreiten großer Plätze, besteht darin, zunächst sehr kleine Plätze zu überqueren, die, wenn der Klient dabei weniger Angst verspürt, größer werden können.

 

Bei anderen ist es sinnvoller, nach dem Grund, warum er sich gebildet hat, zu suchen. Dadurch kann man eventuell einen Zugang schaffen, wenn das Bewusstsein einen neuen Mittelpunkt anregt, der Veränderungen herbeiführen kann.“

 

„Du meinst“, sagte GP, „der eine wurde gelernt und könnte wieder verlernt werden. Der andere hat sich irgendwann im Laufe eines Lebens gebildet und könnte durch Wiederfinden bzw. Bewusstmachen bearbeitet werden.“

 

„In allen Fällen geht es darum, einen neuen Mittelpunkt zu bilden, der mehr und mehr durch Gefühle verstärkt wird und ein Gegengewicht zu dem Komplex-Mittelpunkt bildet, der den Menschen einengt, bedrückt oder quält.“

 

„Und was ist mit dem Verstand oder der Vernunft?“

 

„Diese können x-mal sagen: ‚Es ist Unsinn, was du machst oder denkst.‘ Solange man das Gefühl nicht überzeugt hat, wird es kaum etwas nützen.“

 

--- Gefühle ---

 

„Wie ist es mit den Gefühlen, wenn sie bewusst werden?“, sprang GP auf das nächste Thema an.

 

„Gefühle sind starke Steuerungselemente im Menschen“, erklärte ich. „Sie entstehen u. a. durch das Erreichen oder Nichterreichen von Zielen.

 

Durch das Erreichen wird der Weg verstärkt, den man eingeschlagen hatte, um auch in einer ähnlichen Situation das Ziel zu erlangen. Bei Nichterreichen eines Zieles werden negative Gefühle ausgelöst, die einen davon abbringen sollen, in Zukunft den gleichen Weg einzuschlagen. Gleichzeitig drängen sie mehr oder weniger, das Ziel weiterhin zu verfolgen.

 

Das Bewusstsein gibt diese Informationen an die Ziele des Gehirns weiter, damit sie von deren Netzwerken verarbeitet werden können. Je stärker Gefühle für etwas sind, umso mehr geht der Mensch in diesem Mittelpunkt auf.“

 

„Weil dieser Mittelpunkt durch das Bewusstsein verstärkt wird?“

 

„Ja, etwa wenn wir Musik hören.

 

 

Hier wird oft das Qualia-Problem[18] der Philosophen angesprochen.

 

‚Qualiaʻ heißt Qualität, Qualität heißt ‚Wertʻ. Die Qualität eines Wertes ergibt sich aus den Gefühlen, die der Mensch dabei (bewusst) empfindet.“

 

„Qualia bedeutet also Gefühlswert.“

 

„Ja, der Mensch ist empfänglich für Musik, weil sie Gefühle in ihm erzeugt. Je schöner diese sind, umso mehr Wert haben sie für ihn.“

 

„So entsteht der Wert der Musik aus den Gefühlen, die man dabei verspürt“, sagte GP. „Das ist aber nichts Neues.“

 

Ich nickte. „Dass diese Gefühle aber durch einen Mittelpunkt, ein Ziel im Gehirn ausgelöst werden, ist etwas Neues.

 

Denn so verstehen viele Philosophen dies nicht, weil ihnen die Mittelpunkt-Mechanik unbekannt ist. Sie sagen, dass das Gehirn zwar alle möglichen Informationen wahrnehmen kann, dies aber nicht den Genuss der Musik erklärt, den wir empfinden.

 

Ich sage, dass dieser Genuss durch den Mittelpunkt entsteht, in dem ich bin, wenn ich Musik höre. Dieses Neuronennetzwerk nimmt natürlich nicht nur die Informationen auf, sondern weckt im Bewusstsein Gefühle, die sich in Verbindung mit dieser Musik ergeben.“

 

„Je schöner man also Musik empfindet, umso schönere Gefühle werden dadurch entwickelt“, ergänzte GP.

 

„Ja, das ist natürlich auch umgekehrt so: Je schlechter die Musik, umso weniger werden sich positive Gefühle entfalten.“

 

„Und wenn jemand ganz unmusikalisch ist?“

 

„Dann empfindet er in dieser Beziehung so gut wie nichts.“

 

„Inwieweit sich eine Qualia entwickeln kann, hängt also von den Menschen ab, der sie empfängt“, schloss GP. „Die Qualia wird also wechselseitig vom Gehirn und dem Bewusstsein bestimmt. Und von einem Mittelpunkt des Empfängers, zum anderen von der Qualität des Senders.“

 

Ich nickte erneut. Ganzheitlich empfinden heißt oft, eine Ähnlichkeit[19] empfinden. Das kann man sehr gut an der Musik sehen: Man erkennt eine Melodie, die man im Gedächtnis gespeichert hat, auch wenn sie mit anderen Instrumenten gespielt wird. Es sei denn, die Instrumente treffen nicht den Ton, also das Wesen dieser Melodie.“

 

„Warum haben viele Philosophen seit über 200 Jahren Schwierigkeiten, diesen einfachen Mechanismus zu begreifen?“, fragte GP.

 

„Weil sie nichts von der Mittelpunkt-Mechanik wussten, also nicht diesen Schlüssel zum Gehirn hatten, sie sich das Bewusstsein als etwas letztlich nicht zu Begreifendes vorstellten, und weil Gefühle in ihren Themen oft nur Nebensache waren. Dies gilt speziell für die Anhänger des Philosophen Kant[20], der die Gefühle als ‚Gegner der Vernunft‘ darstellte.

 

Dabei haben Gefühle natürlich einen sehr hohen Stellenwert für den Menschen – nicht nur im negativen, sondern natürlich auch im positiven Sinn. Sie sind starke Helfer der Ziele – also der Mittelpunkte. Sie steuern den Menschen mit und sind nicht wirklich immer unvernünftig. Was wäre der Mensch ohne die Gefühle?“

 

„Philosophen können schon zu merkwürdigen Schlüssen kommen“, schüttelte GP den Kopf.

 

Ich schwächte es mit meinem Motto etwas ab: „Was geschah, musste geschehen, wie es geschah.“

 

--- Kontrolle ---

 

„Warum hat das Bewusstsein einen so hohen Stellen­wert für viele Menschen?“, fragte er noch einmal.

 

„Weil diese oft glauben, sie würden alles damit entscheiden. Ihnen ist nicht klar, dass die Ziele des Gehirns in ihnen entschieden haben.

 

Dessen wollen sie sich wohl auch gar nicht klarwerden, weil sie befürchten, dann nicht mehr die Kontrolle über sich zu haben.“

 

„Aber haben die Menschen denn überhaupt Kontrolle über sich? Nach allem, was du ausgeführt hast, ist das Gehirn unendlich vielfältig und entscheidet ganz­heitlich durch die Ziele.“

 

„Kontrolle bedeutet, dass man etwas steuern will, das aus der eigenen Sicht nicht korrekt ist. Das läuft so ab, dass das Bewusstsein Information an das Gehirn gibt, dass z. B. etwas gefühlsmäßig nicht stimmt. Das Gehirn versucht in der Regel dann, dieses nicht Stimmige zu korrigieren, wenn es denn tatsächlich nicht zu den Zielen des Gehirns passt.

 

Die gesamte Kontrolle über sich zu haben, würde bedeuten, alle Ziele mit seinem ICH regieren zu können. Alleine aufgrund ihrer Vielzahl wäre dies unmöglich. Und noch unmöglicher wäre es, sämtliche Wechselwirkungen zwischen den Zielen zu kontrollieren, die sich gegenseitig beeinflussen und verändern. Darüber hinaus gibt es viele Mittelpunkte, die eine gewisse Stärke haben und sich nicht einfach vom ICH regieren lassen, wie etwa der Lebenstrieb.

 

Viele Menschen unterliegen dieser Kontrollillusion und glauben, Vorgänge mit dem Bewusstsein kontrollieren zu können, die nachweislich nicht beeinflussbar sind.“

 

„Und schon gar nicht vom Bewusstsein“, ergänzte GP.

 

„Je wichtiger eine Entscheidung ist, umso stärker wird sie bewusst“, wiederholte ich noch einmal. „Da den Menschen also jedes Mal diese Entscheidungen ins Bewusstsein kommen, sind sie der Meinung, dass sie selbst mit ihrem Bewusstsein entscheiden.

 

Darüber hinaus wussten die Menschen bis ins 19. Jahrhundert wenig über das Gehirn. Das änderte sich im 20. und besonders im 21. Jahrhundert durch den Siegeszug der Computer. Dadurch wurden nichtinvasive Methoden wie etwa:

 

EEG (Elektroenzephalografie),

 

MRT (Magnetresonanztomographie),

 

fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie),

 

PET (Positronenemissionstomographie)

 

und CT (Computertomographie) kreiert.

 

Diese Verfahren erlauben einen Einblick in das Gehirn und lieferten so Fakten, die vorher nicht bekannt waren.

 

Die alten Vorstellungen über das Bewusstsein, die Tausende von Jahren gelehrt wurden, sitzen aber noch heute in den Köpfen der Menschen und sind schwer zu ändern.“

 

--- Verurteilung ---

 

„Da steigt in mir eine Frage bezüglich krimineller Taten hoch“, fiel GP jetzt ein. „Die Justiz geht ja davon aus, dass man die Verantwortung für seine Taten hat[21].“

 

„Wenn jemand eine Tat begeht, dann ist er in diesem Zeitraum in einem verstärkten Mittelpunkt, und es ist dem Täter in der Regel nicht möglich, damit aufzu­hören: Das Ziel will sich erfüllen.“

 

„Und er kann sich nicht selbst beobachten? Kann er sich nicht bewusstmachen, was er tut?“

 

„Im Augenblick der Tat ist der Mittelpunkt der kriminellen Tat in der Regel so stark, dass so gut wie kein Raum für anderes ist, was dagegen agieren könnte.“

 

„Es ist wirklich merkwürdig, dass Menschen, während das Gehirn, genauer, der Mittelpunkt entscheidet, dies nicht bemerken und glauben, das hat das Bewusstsein gemacht.“

 

„Genau dies glauben auch die Richter, weil sie davon ausgehen, dass das Bewusstsein alles entscheidet und der Wille frei ist, und beide die Tat hätten unterbinden können.“

 

 „Aber, wenn das Gehirn seine Entscheidung getroffen hat, dann könnte das Bewusstsein doch durch Information signalisieren, dass dies verkehrt ist“, versuchte GP es noch mal.

 

„Sicher kann es das. Dies würde aber nur funktionieren, wenn diese Informationen vom Gehirn wahr- und angenommen werden.

 

Denn wie gesagt: Der Täter ist in einem Mittelpunkt. Dieser Mechanismus beherrscht ihn total, wenn auch eventuell nur sehr kurz. Hinzu kommt noch, dass die kriminelle Tat einen gewissen Ablauf in Gang gesetzt hat, der nicht so leicht zu stoppen ist.“

 

„Also könnte man in dem Moment gar keine Kritik äußern, weil alle anderen Mittelpunkte – die die Wahr­nehmung beeinflussen – kaum zum Tragen kommen“, schloss GP.

 

„Genau. Diesen eventuellen Widerstand in einem kann es schwerlich geben, solange man im Mittelpunkt dieser Entscheidung ist, weil es dafür sorgt, dass man praktisch nichts anderes mehr wahrnimmt. Und, wie gesagt, er setzt alles andere im Wert auf nahezu null. Danach wird es einem oft bewusst, was man gemacht hat. Aber dann kann man es natürlich nicht mehr korrigieren.“

 

--- Freiheit ---

 

Einen Moment war es ruhig zwischen uns. Dann fuhr GP fort: „Kann man sagen: Jeder weiß, dass er Bewusstsein hat, aber kaum jemand konnte es bisher definieren?“

 

Ich nickte. „Obwohl dies eigentlich leicht ist, wenn man nicht total von seinen fixen Vorstellungen einge­nommen ist: Bewusstsein ist intensive Wahrnehmung mit seinen Sinnen, ganzheitlich oder im Detail.

 

Beim Bewusstsein geht es auch um das Thema der geistigen Freiheit des Menschen. Wenn sich herausstellen würde, dass alles nach Substanzen und Gesetzen[22] abläuft, dann wäre auch alles vorbestimmt, dann hätte der Mensch ‚quasi‘ keine Freiheit mehr und der freie Wille wäre dann auch nicht mehr da – aus der juristischen und philosophischen Sicht.“

 

„Und – stimmt das?“, fragte GP.

 

„Der Wille ist natürlich auch weiterhin da und spielt als Mittelpunkt eine wichtige Rolle im Leben des Menschen. Wille heißt ja, besonders starke Ziele für das ICH zu bilden.

 

Und Freiheit hätte der Mensch auch weiterhin – weil er nicht alles weiß. Und wer nicht alles weiß, ist gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Dieses Nicht­wissen ist seine Freiheit, die der Mensch auch nicht verlieren wird, weil er niemals alles wissen kann.

 

Aber Bewusstsein und freier Wille im bisherigen Sinne müsste aufgegeben werden.

 

Und Tatsache ist letztlich, dass alles aus Substanzen besteht, die nach Gesetzen ablaufen, und infolgedessen, dass alles vorbestimmt ist.“

 

„Du meinst nicht die Freiheit, die aus dem Nichts käme, sondern die Freiheit der Möglichkeiten, die man hat. Ist das letztlich Freiheit?“, fragte GP.

 

„Es ist eine Quasi-Freiheit“, antwortete ich. „Es ist auf jeden Fall ein Irrtum zu glauben, dass es eine Freiheit gibt, die aus dem Nichts oder durch einen unfassbaren Geist kommt.“

 

--- Ich, Es, Über-Ich ---

 

GP überlegte und sagte dann: „Es gibt ja auch eine Menge Theorien darüber, was sich im Menschen psychisch abspielt.“

 

„Das kann man wohl sagen. Ich möchte einmal ein Beispiel nennen: Man kann die Psyche, also die Gesamtheit der Mittelpunkte im Menschen, die über Neuronennetzwerke wirken, aufteilen. Etwa in Ich, Es, Über-Ich, wie Sigmund Freud es getan hat. Dies ist allerdings problematisch und trifft nicht den Kern der Wirklichkeit. Diese ist, dass das gesamte Gehirn (zu dem u. a. auch das sogenannte Bauchgehirn zählt) ein dynamisches System ist, in dem die Mittelpunkte alle miteinander mehr oder weniger – und abhängig von dem jeweiligen Thema – kommunizieren.

 

In diesem Beispiel soll das ‚Ichʻ das Bewusstsein sein, das regelnd in Abläufe der Psyche[23] eingreift.

 

Dazu kann man sagen, dass das Bewusstsein lediglich Informationen an das Gehirn liefert, die es durch intensive Wahrnehmung aufgenommen hat und die dann von den jeweiligen Mittelpunkten mehr oder weniger verarbeitet werden – was früher nicht bekannt war. Das ICH ist mit seinen Zielen und Mittelpunkten im Gehirn vertreten und diese können u. U. regelnd in die Abläufe der Psyche eingreifen.

 

Und wie gesagt: Das Bewusstsein ist nicht das ICH.

 

Das ‚Es‘ soll in diesem Fall das Unbewusste repräsentieren, dessen Inhalt die Triebe, Bedürfnisse und Affekte sind.

 

Dazu kann man sagen, dass das, was einem unbewusst ist, sehr viel mehr beinhaltet als diese drei Bereiche, nämlich unzählige Neuronennetzwerke, u. a. Handlungsabläufe, Kommunikationseinstellungen, Anpassung an die jeweilige Umwelt usw. Es ist auch nicht so, dass dies unbedingt unbewusst bleiben muss, sondern alle diese Aktionen werden, wenn sie einen gewissen Schwellenwert überschreiten, bewusst.

 

Das ‚Über-Ich‘ schließlich stellt in dem Modell die Moral, die gesellschaftlichen Normen und das Gewissen dar, die korrigierend in die Abläufe des Es, also der Triebe, Bedürfnisse, Affekte eingreifen soll.

 

Dazu kann man sagen, dass Moralvorstellungen in Zielen gespeichert sind, ebenso wie soziale Normen usw. Das Gewissen sind Gefühle, die über Bewertungen von gut oder böse ausgelöst werden, die ebenfalls von Zielen generiert werden.“

 

„Gewissensbisse entstehen also, wenn man sich nicht den Moralvorstellungen, die sich in einem gebildet haben, entsprechend verhalten hat“, folgerte GP.

 

Ich nickte. „Und wenn man etwa eine Tat beging, mit der man sich seiner Ansicht nach schuldig gemacht hat.“

 

 „Warum wurden solche Theorien in die Welt gesetzt?“, fragte GP. „Sie bilden doch wirklich nicht die kompli­zierten Abläufe im Gehirn ab.“

 

„Man wusste es damals nicht anders, es haben sich nach dem Wissen jener Zeit Theorien gebildet, die, wie diese, auf fruchtbaren Boden fielen, weil hier die Rolle des Unbewussten zum ersten Mal deutlicher dargestellt wurde.

 

Bis dahin hatte man mehr oder weniger gedacht, dass man sich ausschließlich selbst mit seinem Bewusstsein beherrscht. Diese Theorie war etwas Neues, die Zeit war reif dafür und es war sehr einfach ausgedrückt.

 

Die Zeit war auch deswegen reif, weil zu der damaligen Zeit die Prüderie auf die Spitze getrieben wurde, was zu sexuellen Neurosen führte. Das war ein starker Mittelpunkt zu dieser Theoriebildung. Antrieb bekam er auch von dem Ziel der sexuellen Befreiung.

 

Solche Theorien können sich lange halten – wie Gewohnheiten. Und wurden auch lange verteidigt.“




[1] Gespräch über …: Die zentrale Bedeutung der Ziele.

[2] Die 11 Grundlagen des Menschen: Gehirn.

[3] Die 11 Grundlagen des Menschen: Wahrnehmung

[4] Welt objektiv und subjektiv (Wie könnte man sich erklären …)

[5] ICH (Wie könnte man sich erklären …)                                                       

[6] Die 11 Grundlagen des Menschen: Mittelpunkt-Mechanik

[7] Flexibilität des Gehirns (Wie könnte man sich erklären …)

[8] Die 11 Grundlagen des Menschen: Psyche

[9] Die 11 Grundlagen des Menschen: Denken

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment

[11] Kreativität (Wie könnte man sich erklären …)

[12] Priming (Wie könnte man sich erklären …)

[13] Wut/Ärger (Wie könnte man sich erklären )

[14] Vorurteile (Wie könnte man sich erklären )

[15] Gespräch über: Toleranz

[16] Substanzen und Gesetze (Wie könnte man sich erklären )

[17] Anker (Wie könnte man sich erklären …)

[18] Qualia-Problem (Wie könnte man sich erklären )

[19] Ähnlichkeiten (Wie könnte man sich erklären )

[20] Immanuel Kant (Wie könnte man sich erklären )

[21] Gespräch über: Schuld, Verantwortung und Recht

[22] Gespräch über: Was geschah, musste geschehen, wie es geschah

[23] Psyche (Wie könnte man sich erklären …)

 

Ausführliche Texte zu den jeweiligen Hinweisen finden Sie in dem Buch:

„Hermsch - Das sollten Sie wissen: Die 11 Grundlagen des Menschen.“