Gespräch über Zufriedenheit und Meditation

Da ich mich im Laufe der Jahre mit unzähligen Menschen über diese Themen unterhalten habe, und deren Meinungen oft in meine Schreiben Eingang gefunden haben, nenne ich die GesprächspartnerInnen hier wertneutral GP.

 

 

 

 

 „Könnten Sie genau sagen, wann und wodurch man zufrieden ist?“ fragte GP.

 

„Wenn man seine Ziele erreicht hat. Diese befinden sich im Gehirn. Es bewertet und signalisiert mit Gefühlen, ob man Ziele ausgeführt hat, zufrieden oder unzufrieden, glücklich oder traurig ist“, erwiderte ich.

 

„Stimmungen, etwa schlechte Laune, fallen nicht vom Himmel; sie sind in aller Regel abhängig von erreichten oder nicht erreichten Zielen, die in einem selbst aktiv sind.

 

Wer also seine Ziele kennt bzw. erkennt, könnte wahrnehmen, warum er in der jeweiligen Stimmung ist“.

 

„Könnte man sagen: ‚Erkenne deine Ziele, dann erkennst du dich sich selbst?“‘

 

Ich nickte. „Exakt, dies hilft der Selbsterkenntnis. Der Vorteil ist, dass sich das Gehirn u.a. mit Informationen des Bewusstseins (besser: Wahrnehmung) steuert: etwa neue Ziele bilden, alte deaktivieren oder wieder aktivieren oder das Ziel, um das es geht, zu modifizieren.

 

In der Regel gibt es natürlich nicht nur ein Ziel, es sind diverse involviert, die sich in der Wertigkeit unterscheiden. Sie sind in jedem Menschen mehr oder weniger unterschiedlich; diese richten sich auch nach der jeweiligen Wahrnehmung aus und beeinflussen die Stimmung".

 

 

"Das passt auch gut zu dem, über das wir uns mal unterhielten“ meinte GP: „Man kann die Welt ansehen und sagen: Sie soll so sein, wie ich sie haben möchte. Dann wertet der Mensch, versucht die Welt nach seinen Zielen zu gestalten.

 

Man kann sie aber auch so ansehen, dass man sagt: Sie ist, wie sie ist; was geschieht, muss geschehen, wie es geschieht. Dann wertet man nicht und nimmt sie einfach so an.

 

Im ersten Fall ist der Mensch ständig bemüht, die Welt so zu gestalten, wie er sie haben möchte, versucht sie durch diverse Handlungen, Argumentieren, Kämpfen zu verändern.

Im zweiten Fall nimmt er sie gelassen, lässt sie, wie sie ist.“

 

„Ja“, ich nickte wieder. „Dies steuert auch die Zufriedenheit. Sie ist immer gekoppelt mit den jeweiligen Zielen. Menschen, die ständig versuchen, die Welt nach ihren Zielen zu gestalten und sie nicht so nehmen können, wie sie ist, werden seltener zufrieden sein. Am schwersten haben es die Perfektionisten. Auch Idealisten haben es nicht leicht.“

 

„Aber, wenn man nach seinen Werten leben möchte, muss man die Welt dann nicht ändern?“, fragte GP.

 

„Die Welt oder sich selbst. Sie haben natürlich recht: Ich, zum Beispiel, strebe die Mitte an. Zwischen dem, was ich möchte und was ich einfach so hinnehmen kann oder muss. Übertreibe ich es zu der einen oder anderen Seite, dann ist das auf Dauer ungesund, richtet sich nicht nach dem Leben aus.“

 

„Ausschlaggebend ist also, dass man die richtigen Ziele in sich hat“, überlegte GP.

 

„Oder sie korrigiert“, ergänzte ich.

 

„Und was sind die richtigen Ziele?“

 

„Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber es ist gut zu wissen, die Möglichkeit zu haben, sich mit dem Satz: ‚Was geschah, musste geschehen, wie es geschah’, von aktuellen Mittelpunkten entspannen zu können. Wie zum Beispiel von der Wut, deren destruktive Gewalt viel Unheil anrichten kann.

 

Dies gilt auch besonders für das Ziel der Rache, das etwa durch Verletzung des Ehrgefühls entsteht und innere Zufriedenheit wiederherstellen soll. In der Regel wird dies aber zu einer Pseudo-Zufriedenheit, weil der Adressat der Rache sich wohl ebenfalls wieder rächen will. Diesen Teufelskreis könnte man durchbrechen, indem man sich klarmacht, dass die Vergangenheit so ablaufen musste, wie sie ablief und sich damit Qualen und Disharmonien erspart.

 

Gerne wird das, was geschah, so gesehen, dass man meint, der Andere, die Umwelt habe die Schuld. Oder das Schicksal, Gott, sonstige höhere Mächte hätten dies verursacht. Oder sie hätten einen selbst für das Geschehen ausgewählt. Hierdurch kann man sich komplett von der Wirklichkeit entfernen und weitere Fantasien finden dann reichlich Nahrung.

 

Aber letztlich liegt es zunächst an einem selbst, ob man zufrieden ist oder nicht: es kam nicht so, wie man es erwartete – man hatte also ein Ziel in sich – und dieses löste die eigenen Reaktionen aus.“

 

„Das heißt, zunächst sollte man in sich selbst suchen, ob falsche Ziele in einem agieren und man diese verändern könnte.“

 

„Ja. Seine Ziele zu verändern heißt ja auch zu versuchen, Einfluss auf die Änderung von Mensch und Welt zu nehmen, sich selbst also anzupassen. Denn durch die eigene Anpassung korrigiert oder ändert man seine Ziele und darauf die eigene Sicht auf die Welt.“

 

 

„Man kann also drei Punkte festhalten“, schloss GP:

 

  • Zufriedenheit erreicht man durch Erfüllung seiner Ziele.

 

  • Zufriedenheit bildet sich nach der Höhe seiner Erwartung. Daraus folgt, dass man möglichst nicht unmöglich zu erreichenden Ziele ansteuern sollte. Dadurch erzeugt man nur Unzufriedenheit und eventuell sogar Depressionen.

 

  • Zufriedenheit (zum Frieden kommen) kann man auch erreichen, wenn man sich sagt: Was geschah, musste geschehen, wie es geschah.

 

 

„Meditation kann doch auch, zur Zufriedenheit beitragen“, fiel GP nun ein. Soviel ich weiß, meditieren Sie auch.

 

Ich nickte. Sie ist ideal, um etwa falsche Ziele oder ungünstiges Verhalten, das sich eingenistet hat, zu neutralisieren, bzw. nicht agieren zu lassen.“

 

Wie meditieren Sie?“

 

Zunächst einmal: Alle Methoden auf diesem Gebiet haben das Ziel, sich auf etwas zu konzentrieren und alle anderen Gedanken und Gefühle nicht zu beachten. Ein wesentlicher Punkt ist, die sich aufdrängenden Gedanken und Gefühle zwar wahrzunehmen, wenn sie sehr stark sind, aber nicht auf sie einzugehen. Damit gibt man ihnen weder Raum noch Aufmerksamkeit, die sie brauchen, um sich weiter mit ihren Mittelpunkten zu entwickeln.

 

Meine Meditation(Entspannung)-Übung besteht darin, dass ich mich beim Einatmen immer weiter dem Ende des Universums nähern will und beim Ausatmen unmittelbar unter dieser von mir gerade erreichten Grenze bleibe. Da das Universum unendlich ist, kann ich das „Ende“ des Universums natürlich nie erreichen. Und so kann ich diese Übung unendlich lange fortsetzen.

 

Man kann sich aber auch nur auf die Atmung konzentrieren; Im Einatmen darin aufzugehen und im Ausatmen darin zu bleiben.“

 

„Also ist es quasi ein Aufmerksamkeits-Entzug?“

 

„Ja. Aber nicht in der Beziehung, etwas zu verdrängen. Denn wenn man dies anstrebt, ist man im Mittelpunkt dieses Gedankens oder Gefühls, das einen dann gestaltet.“

 

„Also“, rekapitulierte GP, „nur wenn man auf etwas eingeht – in diesem Fall auf seine ungewollten Gedanken und Gefühle – können diese einen gestalten.“

 

„Ja“, bestätigte ich, „die Meditation ist hervorragend geeignet, Aufmerksamkeit zu binden. Ganz nebenbei, ohne weiteres Zutun, werden dadurch alle anderen Mittelpunkte (Netzwerke) im Wert herabgesetzt.“

 

„Und wie gesagt: Ausnahmslos alle Entspannungstechniken nutzen den Entzug der Aufmerksamkeit durch Hinwendung auf etwas anderes.

 

 

„Die Meditation wird nicht selten als etwas Mystisches, Überirdisches angesehen“, fiel GP noch ein.

 

„Dazu gibt es eine Theorie, die mir sehr plausibel scheint“, antwortete Phil Osof und erläuterte: „Der Zustand der Meditation entsteht durch Hirnprozesse. Es beginnt mit dem Ziel, alle Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen auszuschalten. So ist es sehr wichtig, das unablässige Geplapper der Gedanken zu stoppen. Die Konzentration darauf erzeugt rege Neuronentätigkeit im Aufmerksamkeitszentrum des Gehirns. Diese signalisiert, den Zufluss neuronaler Informationen zu bremsen. Dadurch wird ein Areal, das zuständig für unsere Orientierung im Raum ist, mehr und mehr von neuronalen Impulsen abgeschnitten. Fehlen dem Areal die notwendigen Reize, bleibt ihm nur, den subjektiven Eindruck völliger Raumlosigkeit zu erzeugen, der als unendlicher Raum und Ewigkeit interpretiert wird. Ein weiteres Areal ist für die Vorstellung von den Begrenzungen unseres Körpers zuständig. Der Totalausfall von Signalen auf dieser Seite bedeutet, dass die Wahrnehmung von sich selbst grenzenlos wird. Mit zunehmender Tiefe der Meditation verschwimmt die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt, und es kommt ein Gefühl auf, dass man sich ausdehnt und mit der Umgebung verschmilzt. Durch die Konzentration auf einen Punkt schwindet die Informationsflut, aus denen der Mensch seine Orientierung bezieht. Dadurch schwindet auch die Grenze zwischen dem Ich und der Welt, das Gefühl des Einsseins mit der Welt und der Grenzenlosigkeit stellt sich ein. In der tiefsten Meditation hat man das Gefühl, eins zu werden mit dem Universum, sich in etwas sehr viel Größerem aufzulösen.“

 

„Und das alles spielt sich nur im Gehirn ab?“

 

„Natürlich, aber der Meditierende hat tatsächlich das Gefühl, mit allem eins zu sein. Dieser Zustand wird gesucht. Menschen, die sich gegen so eine materialistische Deutung vehement sträuben, findet man nicht selten unter denen, die schon diese Erfahrung des ‚grenzenlosen Einssein mit allem’ gemacht haben. Sie können und wollen sich einfach nicht vorstellen, dass sich das nur in ihrem Gehirn abspielt, weil es so ein überwältigendes Erlebnis war. Vielleicht befürchten sie, dieses nicht in ähnlicher Intensität wieder erleben zu können, wenn sie zugeben würden, dass alles nur aus Substanzen und Gesetzen besteht und keine metaphysische Macht dahintersteckt.“

 

 „Muss man denn an Mystik glauben, um tief zu meditieren?“

 

„Nein. Aber man kann sich natürlich auch in mystische Phantasien versenken. Ich persönlich ziehe aber vor, mit beiden Beinen auch während der Meditation in der Wirklichkeit zu bleiben.

 

 

 

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