Gespräch über die Toleranz

 

Ich habe einmal ein Gespräch mit Phil Osof geschrieben, dass ich hier wiederholen möchte.

 

 

 

 

Ich war noch erschüttert von dem, was ich gerade gehört hatte.

 

Natürlich wird man immer wieder mit intoleranten Meinungen konfrontiert. Hier aber war es diese Urgewalt der Gefühle, von der der Sprecher mitgerissen wurde: „Unser Glaube ist der einzig Wahre, Wahrhaftige. Jeder andere ist ein Werk des Bösen und muss bekämpft, ausgerottet werden. Erst dann werden wir Ruhe finden, wenn alle das Wahre glauben.“

 

„Wie kommt ein Mensch dazu, so etwas zu glauben und zu verbreiten?“ fragte ich Phil Osof, „da der Glaube doch nur eine Meinung ist, und jeder seine eigene hat!“

 

„Da gibt es viele Gründe“, antwortete er, „ein sehr wesentlicher wird die Gesellschaft sein, in der man aufgewachsen ist. Vielleicht wurde Intoleranz gelehrt; dass alles, was nicht nach ihrem Wertesystem lebt, falsch ist. Und bekehrt oder ausgelöscht werden muss.

 

Diese Menschen wollen gar nicht die Werte herausfinden, die in anderen Gesellschaften vorherrschen, um zu verstehen. Sie sehen nur ihre eigenen.

 

Ein weiterer Grund ist oft das heiße innere Gefühl, das durch das Sprechen erzeugt wird und den Menschen überflutet, ihn in seinem Glauben aufgehen lässt. Wenn jemand in dem starken Mittelpunkt des Glaubens ist, vergeht alles andere und er kann in ekstatische Verzückung fallen. Der Glaube gibt diesen Menschen ein Gefühl des Auserwähltseins. Und sie brauchen keinerlei Energie darauf zu verwenden, sich mit anderen Glaubensrichtungen auseinanderzusetzen. Was sonst eventuell dazu führen könnte, den eigenen Glauben mehr oder weniger in Frage zu stellen.“

 

„So sehen diese Menschen den Angriff auf einen anderen Glauben als Verteidigung des eigenen?“

 

„Ja in diesem Fall die Primitivste: Die Auslöschung des anderen. Aber in erster Linie geht es um das Gefühl, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein und es zu erleben.“

 

Am schlimmsten ist der Glaube’, habe ich mal irgendwo gelesen.“

 

„Nun“, erwiderte Osof, „ich würde es etwas abschwächen: ’Am schlimmsten kann der Glaube sein.’ Aber tatsächlich: Wenn man sich die Geschichte der Religionen, Sekten usw. ansieht, besonders in den vielen Perioden, wo Gewalt die vorherrschende Rolle spielte, kann man sich schon mit Grausen abwenden. Gerade der Glaube kann zu den unmenschlichsten Handlungen führen, weil mitmenschliche Regungen durch den Mittelpunkt des Glaubens ausgeschaltet werden können. Wie ein roter Faden durchzieht die Gewalt, die vom Glauben ausgeht, die Geschichte der Menschheit.“

 

 

„Viele sagen: Am schönsten kann der Glaube sein. ’“

 

„Natürlich, denn im Glauben kann man sich exakt die Welt schnitzen, die man will.

 

Besonders Religionsgründer und deren nachfolgende Interpreten konnten sich wunderbar ihre eigene Welt zusammenstellen.“

 

„Wollten diese Menschen die Welt nicht besser machen?“

 

„Sie wollten vor allem ihre Welt verbessern, ihre Vorstellung von der Welt in Stein meißeln, verewigen.

 

Viele Menschen wollen keine Veränderungen. Sie möchten, dass andere Menschen gleiche oder ähnliche Werte haben, wie sie selbst. Sie sind gegen alles Fremde, versuchen es abzustoßen oder bekämpfen es.

 

 

Aber der Glaube hat die Menschen nicht „besser“ gemacht, eher grausamer gegenüber Un- oder Andersgläubigen. Weil, wie gesagt, der Mittelpunkt das Mitgefühl für diese gegen Null setzen kann.

 

Denn das Schlimme ist, dass diese Gläubigen absolut davon überzeugt sind, das Richtige zu tun, sich in diesem Gefühl sonnen. Dieser Glaubens-Mittelpunkt kann zur totalen Blindheit führen. Er hat die Tendenz, alles zu überschatten und gleitet leider oft in den Fanatismus ab. Und er hat, wie jeder sehen kann, im Laufe der Geschichte unendliches Leid über viele Menschen gebracht.

 

Das Schlimme an dem Glauben ist die Totalität, mit der Menschen davon eingenommen werden können - und wollen! Wenn sie total in dem Mittelpunkt des Glaubens sind, vergeht alles um sie herum. Und dieses Gefühl suchen sie. Es umhüllt sie wie eine Glocke, in der sie sich ähnlich wie im Mutterleib geborgen fühlen.

 

 

Ähnliche Intoleranz findet man auch oft außerhalb der Religion bei ‚normalen‘ Menschen, die von dem Glauben an ihr eigenes Wertesystem überzeugt sind und meinen, alle anderen sollten sich auch so verhalten.“

 

„Werte für den Menschen sind das, was er als wichtig und richtig erachtet.“

 

„Ja, besonders was ihm sein Gefühl sagt.“

 

„Gerade hier steckt wohl Konfliktstoff“, warf ich ein, „weil jeder sein eigenes Wertesystem hat.“

 

„Genau das ist die Quelle aller Konflikte zwischen den Menschen.“

 

„Kompromissbereitschaft und Toleranz wären die Lösung?“

 

„Ja, aber dazu muss man erst einmal bereit sein.“

 

„Sie meinen, seine eigenen Ziele zu modifizieren und das Anderssein seines Gegenübers dulden?“

 

„Exakt. Aber, wie gesagt, dazu müsste man zunächst fähig und willens sein, die Werte, von denen andere Menschen gestaltet werden, zu verstehen.

 

Jedenfalls: Der Glaube, der den Menschen über den Mittelpunkt blind macht, ist oft verantwortlich für die größten Katastrophen. Der Grund ist eben der Mittelpunkt, der dem Menschen vorgaukelt, die Welt, die er sieht, die Werte, die er fühlt, seien die allein Wahren.“

 

„Könnten sie den Mittelpunkt noch einmal definieren?“

 

„Der ‚Mittelpunkt‘ ist die Gestalt, die ein Ziel aus einem macht.“

 

„Und Werte sind Ziele?“

 

„Ja.

 

Es nützt nichts“, fuhr er fort, „diesen Menschen zu sagen: ‚Was du machst, ist einseitig, unvernünftig, kann extrem schädlich sein’. Diese Menschen wollen in ihrem Gefühl bleiben und dieses oft so extrem wie möglich empfinden.

 

So ist der Glaube sehr widerstandsfähig. Es ist ein Ziel, das tief in dem Menschen verankert sein kann und Veränderungen Widerstände mit ungeheurer Energie entgegensetzt. Er kann - wie man unzählige Male in der Geschichte der Menschheit gesehen hat - zu den schlimmsten Grausamkeiten an anderen Menschen führen. Weil, wie gesagt, der Mittelpunkt ihres Glaubens das Mitgefühl auf null setzen kann.“

 

 

„Aber der Glaube hat doch auch positive Seiten“, führte ich an.

 

„Natürlich“, nickte Phil Osof, „ich sprach ja auch von den schlimmen Auswüchsen des Fanatismus.“

 

„Wäre es eigentlich nicht besser, wenn es gar keinen Glauben gäbe?“ fragte ich. „Da er schon so viel Unglück über die Menschen gebracht hat?“

 

„Sicher“, antwortet Osof „aber das ist wahrscheinlich unmöglich, weil Glauben im weitesten Sinne wohl zu der Ausstattung im Menschen gehört. Religion scheint ein Anker für sie zu sein.

 

Und damit lässt sich ja auch gut leben - solange der eigene Glaube nicht mit Gewalt verbreitet wird und andere Glaubensrichtungen toleriert werden.“

 

„Aber dazu gehört Bewusstsein, Selbstbeobachtung und die Fähigkeit, sich nicht seinen Gefühlen, sobald diese totalitär werden, hinzugeben, nicht wahr?“

 

„So ist es. Leider hat der Glaube starke Tendenzen, das Bewusstsein (besser: Wahrnehmung) in der jeweiligen Beziehung zu trüben - schon deswegen, um vor Selbstkritik sicher zu sein, die dem Gläubigen gefährlich werden könnte.“

 

 

„Denken Sie, dass es jemals möglich ist, dass nur ein Glaube, eine Religion auf Dauer in der Welt existiert?“

 

„Niemals, dazu sind die Menschen, und die Ziele in ihnen zu unterschiedlich. Dazu kommt, dass sich jeder Glaube mit der Zeit in modifizierte Glaubensrichtungen aufspaltet. Weil, wie gesagt, die Ziele der Menschen unterschiedlich sind.

 

Religion läuft als Ziel ebenso ab, wie alle menschlichen Themen; durch die verschiedenen Unterziele differenziert sich mit der Zeit die Urfassung, die Menschen generierten.“

 

„So wird es niemals Frieden in Glaubensfragen geben?“

 

„Immer nur begrenzt und temporär.

 

Denn es hat viele Menschen gegeben - und es gibt sie natürlich noch immer - die ihren Glauben weltweit durchsetzen wollen, die erst Frieden finden würden, wenn ihr Ziel erreicht ist. Nur - diese Menschen werden nie Frieden finden. Sie werden mit diesem Drang, der in ihnen wohnt, nur immer wieder Unruhe, Streit, Kampf und Grausamkeiten erzeugen, und selbst darunter leiden. Denn Gewalt erzeugt Gewalt.“

 

Er seufzte. „Aber so sind die Menschen. Was geschieht, muss geschehen, wie es geschieht.“

 


„Im Laufe der Zeit sind in mir einige Fragen aufgestiegen“ sagte ich. „Da, wie Sie mal sagten, Gott nur eine im Gehirn erzeugte Struktur ist, frage ich mich: Wenn der Glaube schon so stark zur Einstellung im Menschen gehört, an was sollte man glauben?“

 

„An sich selbst“, antwortete Osof, „und an Erkenntnis: Sich selbst, die Menschen und die Welt erkennen. Die Abläufe sehen, sich entsprechend verhalten und dadurch zu Erfolg und Befriedigung kommen.“

 

„Ist das Ihr Anker, Herr Osof?“

 

„Ich glaube, dass das, was geschieht, so geschehen muss, wie es geschieht. Ich glaube, dass jeder sein persönliches Wertesystem hat, dass ich, so gut es geht, respektiere. Daraus ergibt sich automatisch Toleranz - und in der Folge eine relative Gelassenheit der Welt und den Menschen gegenüber.

 

Auch weil, wie gesagt, Intoleranz oft zu Unverständnis und in der Folge zu Kampf und Gewalt führen kann, weil die extremen Ziele in einem sich nicht selten durchsetzen wollen, im schlimmsten Fall mit grausamen Verhaltensweisen.“

 

 

Er macht eine kurze Pause. Dann fuhr er fort.

 

„Sehr wichtig ist die Akzeptanz der Welt. Dass man das, was geschah, so hinnehmen kann, wie es geschah weil es so geschehen musste.“

 

„Also auch hier die Toleranz?“

 

„Ja, das Hinnehmen der Welt wenn man sie nicht ändern kann. Dies ist wohl mit das Wichtigste für den Menschen, weil er dadurch frei wird, sich nicht verzettelt, aufreibt in nutzlose Kämpfe. Und natürlich ebenso die Akzeptanz sich selbst gegenüber.

 

Der Grund für die Nichtakzeptanz liegt in aller Regel in der Wertung.“

 

„Also an dem Wertepool, den man in sich hat, und von dem man die Welt, die Menschen und sich selbst sieht?“

 

„Ja. Ausschlaggebend ist, welche Einstellung - vor allen welche Grundeinstellung -  man hat. Davon wird man gestaltet. Die Einstellung wird von den inneren Zielen geformt, die wiederum Ziele bilden, die einen gestalten. Und besonders die Gefühlsreaktionen auslösen.“

 

„Man sollte also versuchen zu lernen, die Welt und die Menschen möglichst so zu akzeptieren, wie sie sind!“

 

„Ja - wenn man es denn kann sich, seine Ziele, seine Werte nicht als unumstößliche Zentren der Welt zu empfinden. Fähig werden, sie zu relativieren und dadurch andere Strukturen annehmen zu können."

 

 

 

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