Gespräch über Glauben, Gott und Religion

 

Ich habe einmal ein Gespräch mit Phil Osof geschrieben, dass ich hier wiederholen möchte.

 

 

 

 

 

Wir unterhielten uns über Gott und Religionen. Anlass war ein Bootsunglück, bei dem mehrere hundert Pilger einer östlichen Religionsrichtung ertrunken waren.

 

„Es gibt wohl keine Religion oder Glaubensrichtung“, sagte Phil Osof, „in der nicht Anhänger in der Ausübung ihres Glaubensdienstes durch schreckliche Katastrophen zu Tode gekommen wären, teilweise zu Tausenden. Und trotzdem wird weiter geglaubt! Diese Menschen wollten doch nur ihrem Gott dienen und sind dabei elend umgekommen. Kann man da von Gottes Gerechtigkeit sprechen?

 

Aber es gibt wohl nichts, was ein religiöser Mensch im Namen Gottes nicht entschuldigen würde, denn ein ungerechter Gott ist ihnen in der Regel unvorstellbar. Mit den höchsten gehirnakrobatischen Leistungen werden Begründungen herbeigezaubert, die zeigen sollen, dass es Gottes Wille war, was da geschah und dass dieser schon wissen wird, was er tut. Die Glaubensanhänger sagen: ‚Gottes Wege sind unergründlich! ’“

 

„Wenn Sie eine Definition von Gott geben sollten, was würden Sie sagen?“, fragte ich.

 

„Gott ist eine in der Urstruktur des Menschen enthaltene Form mit dem Gefühl von allmächtigen Eigenschaften eines Wesens.

Dass es etwas Mystisches, Übernatürliches, Gott gibt, war für die Urmenschen eine absolute Wahrheit, die ihnen ihr Gefühl vermittelte. Dies half ihnen, die Welt zu verstehen.

 

Dies hat sich in den Urstrukturen eingenistet und wirkt auch in der Gegenwart.

Dies gestaltet häufig das Gehirn, besonders zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr während der Entwicklung des Menschen, in der mystischen Phase aus.

Spezial in der frühen Kindheit findet oft eine Übertragung von diesem Gotteswesen auf Bezugspersonen statt.

 

Da diesem Wesen – gefühlt – alles möglich ist, greifen Ziele im Erwachsenensein gerne darauf zurück.

 

Dieses Ziel aktiviert sich besonders oft wieder in Notsituationen, Krisen usw. im weiteren Leben, indem Gott um Hilfe gebeten wird.“

 

Osof schmunzelte. "Man könnte Gott aber auch so definieren: ‚Gott ist Gesetz'. Und man könnte weiter sagen: Gottes Wege sind tatsächlich unergründlich. Man kann nicht alle Gesetze sehen, um zu erkennen, dass alles genau so kommen musste, wie es kam."

 

"Wie definieren Sie 'Gesetze'?"

 

"Identische Substanzen unter identischen Umständen ergeben immer identische Strukturen. Oder anders gesagt: Unter genau gleichen Umständen von gleichen Substanzen müssen genau gleiche Folgen eintreten.

 

Gesetze von Substanzen sind niemals zu ändern. Nur nach ihnen können sie ihre Struktur bilden. Sie bestimmen jeden Ablauf.

 

Für viele Menschen ist Gott etwas, was alle Macht hat und unfehlbar ist. Auf der Welt gibt es aber nur eines, dass wirklich unfehlbar ist und alle Macht hat: die Gesetze!“

 

„Sie meinen die Gesetze des Universums?“

 

„Ja. In kleinen Teilen, wie zum Beispiel im Atom oder im Großen, wie im All. Es gibt Menschen, die machen sich die Erkenntnis zunutze, um ‚gottähnlich’ zu sein. Sie sagen: ‚Wer Gesetze erkennt, hat alle Macht. Wenn man einmal die Gottähnlichkeit, die viel mit Hybris zu tun hat, beiseitelässt, ist es ja wirklich so: Nur wenn man sich den notwendigen Gesetzen unterwirft, kann man seine Ziele erreichen, natürlich nur, wenn man das Vermögen hat.“

 

„Unter ‚Vermögen’ verstehen Sie Werte?“

 

„Ja, Dinge, Kräfte, Energien.“

 

„Kann man Gesetze denn nicht ändern? Und so deren Macht brechen?“

 

„Nein. Sie sind ewig. Man kann nur durch das Hinzufügen oder Abziehen von Werten, also durch Strukturänderungen, Gesetze gegen andere austauschen, denn die gleichen Substanzen unter den gleichen Umständen ergeben immer wieder das Gleiche. Dies ist ein unumstößlicher Satz.

 

Und es ist eben nicht alles möglich, sondern nur das, was die Gesetze zulassen. Niemand und nichts kann jemals außerhalb von ihnen sein.“

 

„Ist diese Definition, dass Gott Gesetz ist, für viele Menschen nicht zu unpersönlich, zu kalt?“

 

„Das ist wohl so. Den meisten Menschen ist sie zu abstrakt.

Es ist ja auch nur ein Hilfsmittel zur Erklärung.

Sie brauchen etwas Konkretes, in das sie loslassen können, in dem sie sich geborgen fühlen, dass ihnen Hoffnung gibt, etwas, das allmächtig ist. Glaube ist den Menschen wichtig. Und ich denke, so gut wie jeder hat seinen Glauben, auch wenn Gott praktisch keine Rolle spielt.

 

Wie die Geschichte der Welt aber gezeigt hat, ist kein Gott oder eine Glaubensrichtung allmächtig, denn wäre dem so, dann würde die Welt anders, harmonischer aussehen und sicher sein. So entpuppt sich der Glaube als das, was er letztlich ist: Ein Traum, geschaffen aus dem Bedürfnis nach seelischer Stabilität, Hoffnung auf Trost und der Sehnsucht nach Ewigkeit. Und so kommen Religionen dem Wunsch der meisten Menschen entgegen, an etwas glauben und entsprechend dieser Überzeugungen leben zu können.

 

Weil viele Menschen dem Gefühl nach Religiosität nicht widerstehen können oder besser: wollen, wird es wohl Religionen, Sekten oder sonstige Glaubensrichtungen geben, so lange es Menschen gibt. Leider ist der Glaube meist egoistisch, dies zeigt sich in den Dogmen, Schriften und Überlieferungen oft in der Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, nach dem Motto: nur mein Glaube ist wahr, nur mein Gott ist wirklich. Daher wird das, was ihrem Glauben nicht entspricht, abgelehnt oder bekämpft. Die Menschen gehen viel nach ihren Gefühlen, und diese können einem die absolute Gewissheit geben, dass das, was sie glauben, richtig ist. Durch den mächtigen Mittelpunkt des Glaubens kann der Mensch tatsächlich absolut von der Rechtmäßigkeit seines Handelns überzeugt sein.

 

Diejenigen, die in einem Glauben, also in einer bestimmten Welt, einer Struktur leben, können nicht anders, die Welt – ihre Welt – würde sonst zusammenbrechen.

 

Nun – wenn der Gott der jeweiligen Glaubensrichtung wirklich so allmächtig wäre, dann könnte er doch leicht, von einem Augenblick auf den anderen und für alle Ewigkeit, alles nach seinem Sinn richten, der Welt Gerechtigkeit geben, Gerechtigkeit nach des Menschen Sinn.“

 

„Sind die Gesetze denn nicht gerecht?“, fragte ich.

 

„Was ist gerecht? ‚Gerecht’ kommt von Richtung, auf ein Ziel gerichtet. Und was dazu passt, ist richtig. Lebewesen haben ganz bestimmte Ziele in sich, beispielsweise Leben, Freiheit, Grundbedürfnisse wie Trinken, Essen, Wärme, Sexualität. Das heißt: Lebewesen folgen ihren Zielen, ihrer Richtung. Die Gesetze folgen ebenfalls ihrem Ziel, ihrer Richtung. Für sie ist das, was und wie alles geschieht, richtig. Dies deckt sich aber oftmals nicht mit den Zielen und Wünschen der Menschen. So gesehen sind die Gesetze oft ‚ungerecht’ Aber der Mensch steht eben nicht im Zentrum, es dreht sich nicht alles um ihn, wie er es gern möchte, sondern er ist nur ein mikroskopisch kleiner Teil des Ganzen. Und dieses Mikroskop müsste, universell betrachtet, schon enorm vergrößern, um den Menschen überhaupt zu sehen.“

 

„Gut“, meinte ich, „aber es gibt nicht wenige Menschen, die absolut überzeugt sind, dass Gott existiert.“

 

„Das stimmt ja auch“, antwortete er, „und zwar in den Köpfen der Menschen.“

 

„So meinen sie das aber nicht!“

 

„Nun, Gott und Religionen werden sich wohl bis zum Ende der Menschheit ungebrochener Beliebtheit erfreuen, weil hier Lebenssinn und alle Wünsche hineininterpretiert werden können, oder die Angst vor dem Tod geringer wird. Die Menschen gestalten gerne das Jenseits nach den Wünschen des Diesseits. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass viele Menschen religiös sind, obwohl die Dogmen und Glaubenssätze aller Religionsrichtungen auf schwammigem Boden aufgebaut sind. Gott und Religionen sind reine Erfindungen, als solche realitätsungebunden und so zum Ausbau und Ausleben eigener Vorstellungen und Gefühle ideal.“

 

„Entsteht Gott denn wirklich nur im Gehirn, als selbst erzeugte Struktur im Menschen?“

 

„Eindeutig ja. Religion hat viel mit dem Gefühl zu tun und wenig mit dem Verstand. Der Sitz der Gefühle ist im Gehirn.“

 

„Nochmal gefragt: Woher, denken Sie, kommt der Glaube an eine übermächtige Person?

 

„Wie gesagt: Es liegt schon als Ziel in der Erbmasse Und dann aus der Kindheit, geprägt u.a. durch die Erfahrung mit den übermächtigen Erwachsenen, weil es für das Kind wichtig ist, sich einer Person anzuvertrauen, die für einen sorgt.“

 

„So ist Gott unter anderem eine Übertragung aus den Kindheitserlebnissen mit den Bezugspersonen, wo es um Halt, Geborgenheit usw. ging?“

 

„Das scheint mir ein wichtiger Grund zu sein. Es ist nicht so, dass jemand im Himmel sitzt und die Fäden zieht. Sondern es ist so, dass es Substanzen gibt, die nach Gesetzen ablaufen – in diesem Fall Neuronen und deren Verknüpfungen im Gehirn – die für das Thema ‚Gott’ zuständig sind.

 

Es scheint eine Tatsache zu sein, dass viele Menschen meinen, ohne die Vorstellung eines höheren Wesens nicht leben zu können. Denn das Geborgenheitsgefühl, das während des Wachsens des Lebens entstand, könnte sonst verloren gehen. Dieses wurde, wie gesagt, unter anderem von den einem nahestehenden Menschen erzeugt und auf eine Person ‚Gott’ übertragen oder auf allgemeine Glaubensrichtungen, die u.a. kulturelle Konstrukte sind; eine Übertragung des Urvertrauens des Kleinkindes, das darauf vertraut, dass seine Bezugspersonen für alles Notwendige sorgen werden, später dann, dass Gott für alles Notwendige sorgt. Religiöse Menschen sagen: ‚Ich erfahre in mir selbst einen absoluten Grund, Gott, der mich trägt, von dem alles ausgeht. ’ Hier kann man sehr schön die Übertragung sehen: Die Eltern, die Bezugspersonen tragen einen, von ihnen geht alles aus – Liebe, Geborgenheit, Wärme, Befriedigung der Grundbedürfnisse.“

 

„Wenn es keinen metaphysischen Gott geben sollte, trifft das Sprichwort: ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott’ eigentlich den Nagel auf den Kopf“, meinte ich.

 

„Ja, und so kann man sagen: ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir auch der nach außen projizierte Gott. ’Und so handeln die Menschen in der Regel auch.“

 

„Aber viele Menschen glauben trotzdem in ihrer tiefsten Seele an Gottes Wirken im Sinne einer außerhalb von uns existierenden Kraft. Und ist es nicht viel schöner, in dem Glauben zu leben, dass es jemanden gibt, der schützend seine Hand über einen hält, als dass man sich selbst ebenso wie alles andere auf der Welt sieht, dass nüchtern nach Werten und Gesetzen abläuft?“

 

„Das ist tatsächlich schöner, und deshalb machen die Menschen das auch. Doch Gott entsteht, wie gesagt, durch neuronale Schaltungen und physiologische Prozesse. Es ist für viele Menschen nicht nur unvorstellbar, sondern auch absolut unerträglich, einzusehen, dass wir alleine auf der Erde sind, ohne ein höheres Wesen in irgendeiner Form, beziehungsweise aus irgendeiner Dimension außerhalb der Welt.“

 

„Und warum glauben Sie nicht, Herr Osof?“

 

„Ich kann nicht glauben. Ich bin zu sehr der Wahrheit verhaftet und daran interessiert, herauszufinden, was wirklich ist, was hinter den scheinbaren Wahrheiten steckt. Ich bin mehr auf der Suche nach Wissen. Mein Wissensdurst und die Suche nach der Wahrheit sind viel zu groß, um mich mit einem einfachen Glauben zufrieden zu geben.

 

Wenn man sich Lebewesen, und besonders den Menschen anschaut, dann kann man vielleicht nicht umhin, den Konstrukteur zu bewundern, der dieses Wunderwerk ‚Mensch’ geschaffen hat. Schaut man aber genauer hin, wie sich dieses Wunderwerk verhält, welche Fehler es haben kann, dann ist man schon viel weniger geneigt, den Konstrukteur zu bewundern.“

 

Er sah mich nachdenklich an.

 

„Und genau so wenig wie die Tatsache, dass es keinen Gott gibt, ist es für die meisten Menschen unvorstellbar, dass es keinen freien Willen gibt. Hier wird die alte Forderung aktuell: ‚Erkenne dich selbst!’ Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, kann man ‚Gottes Wirken’ im täglichen Leben erkennen. Was man sieht, ist, dass alles nach Substanzen und Gesetzen abläuft, dass die Menschen ihr Verhalten nach den in ihnen liegenden Zielen ausrichten (müssen), und dass sich jede Form von Altruismus bei näherem Hinsehen als Egoismus entpuppt. Wenn man die Geschichte des Lebens, beziehungsweise der Menschheit betrachtet, sieht man: Einfache Formen des Lebens entstanden vor etwa vier Milliarden Jahren, weil dies die Bedingungen auf unserem Planeten möglich machten. Das Leben entwickelte und differenzierte sich im Lauf einer langen Zeit, bis vor etwa vier Millionen Jahren die Evolution des Menschen begann. Alle Schritte sind nachvollziehbar, und es gibt nichts, was nicht mit den Naturgesetzen in Einklang wäre.“

 

„Aber kann diese Erkenntnis, dass es keinen Gott gibt, nicht ganz furchtbar sein? Schürt sie denn nicht die Angst vor dem Alleinsein? Man ist doch so auf sich alleine gestellt! Ohne Hilfe aus dem Himmel – aus dem All – oder jenseits davon! Vielleicht wollen die Menschen trotzdem an Gott oder eine höhere Instanz glauben, weil sie sich sonst tatsächlich alleine fühlen“, bemerkte ich.

 

„Sicher. So können Glaubensgemeinschaften entstanden sein, wie etwa die ‚Kreationisten’ Sie sind ein gutes Beispiel für Menschen, die die Realität ausblenden. Mit viel Geld und Macht behaupten sie standhaft, dass nur das, was in der Bibel steht, richtig ist. Die Kreationisten haben Geld, Geld verleiht Macht, und die wiederum kann zur Dummheit verleiten, weil man es nicht nötig hat, sich der Kritik zu unterwerfen. Obwohl die Wissenschaft durch diverse fossile Funde nachgewiesen hat, dass die Evolution der Menschheit vor Millionen Jahren begann, behaupten die Kreationisten steif und fest, dass Gott den Menschen vor 6.000 Jahren erschaffen hat. Sie glauben an die Genesis, die aussagt, dass der Schöpfergott innerhalb von sechs Tagen alles geschaffen hat: Himmel und Erde, Sonne und Mond, Tiere und Menschen und so weiter, und zwar wortwörtlich so, wie es in der Bibel beschrieben wird. Sie lehnen den Urknall und sämtliche Hypothesen über die Entstehung des Kosmos ab, weil dies nicht mit der Bibel übereinstimmt. Sie bestreiten, dass die Erdgeschichte viele Milliarden Jahre alt ist und behaupten, die Erde besteht maximal 10.000 Jahre. Weil nach der Bibel alle Kreaturen zur gleichen Zeit erschaffen wurden, kann ihrer Ansicht nach auch die Evolution nicht stimmen und wird bekämpft. Dass die Wissenschaft zu ganz anderen Resultaten gekommen ist, wird nicht wahrgenommen oder es wird vehement widersprochen. So leben sie in ihrer eigenen Wunschwelt, so lange es geht. So eine Phantasiewelt ist wirklich nur möglich auf Grund der Metawelten, die Ziele im Gehirn der Menschen schaffen können“, führte Phil Osof aus.

 

„Ist diese Art, die Welt zu betrachten, nicht hervorragend geeignet, um eine Weltflucht zu begehen – wenn man etwa Angst vor dem Leben hat?“

 

„Einige Menschen glauben, besonders wenn sie Erfolg hatten, dass sie von Gott auserwählt sind“ sagte ich.

 

„Wenn jemandem etwas Gutes widerfährt, wenn man Glück hat oder ein Ziel besonders gut erreicht, dann hat der Mensch oft das Gefühl, dass das Schicksal es so wollte. Er führt dies auf eine höhere Instanz zurück, die genau das wollte, was ihm jetzt widerfahren ist.“

 

Osof lächelte. „Wenn man im Leben Glück hat, kann man schon auf eitle Gedanken kommen. Diese Menschen fühlen sich dann vielleicht als die Auserwählten, die Gott über die anderen Menschen erhoben hat, und umgehen gern die Tatsache, dass sie tun mussten, was sie taten, auf Grund der Substanzen und Gesetze – und nicht, weil etwa ein Gott sie auserwählt hat. Ihr Glaube daran resultiert oft aus einer Übertragung von der Kindheit: Der Wunsch, von der Bezugsperson auserwählt zu werden, vorgezogen vor allen anderen. Und sie fühlen sich gut, wenn sie so etwas glauben. Der Gedanke ist aber auch wirklich sehr verführerisch! Wenn in mir Eitelkeit hochsteigen will, denke ich daran, dass alles so kommen musste, wie es kam, das bringt mich schnell wieder auf den Boden zurück.“

 

„Viele Menschen glauben wohl tatsächlich, dass sie das, was sie tun, im Sinne Gottes machen – in seinem Auftrag oder einer höheren Macht“, meinte ich.

 

„So lange es Gesellschaften gab, hat es immer Arme und Reiche gegeben“, merkte Phil Osof an. „Das wurde von den Armen oft als ungerecht empfunden, und sie haben Gott um Gerechtigkeit gebeten. Von den Reichen dagegen wurde dieser Zustand als gottgewollt angesehen. Sie begründeten dies damit, dass sie eben zu den Auserwählten Gottes gehörten und so hätte es seine Ordnung. Vielleicht sollten sich diese Menschen, wenn es ihnen überhaupt möglich ist, klarmachen, dass sie eigentlich nur aus ihren eigenen Interessen das tun, was sie tun. Der Begriff ‚Gott’ lässt sich hervorragend verwenden, um zu versuchen, seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Dieser Begriff ist so geduldig wie ein Blatt Papier. Auch für den Versuch, Menschen nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen, ist ‚Gott’ ein wunderbares Arbeitsgerät.“

 

„Wie denken Sie über jemanden, der stolz auf seine Geburt, sein Herkommen ist?“

 

„Mich wundert nicht, dass Menschen, die etwas geerbt haben, sei es psychisch, körperlich oder materiell, darauf oft stolz sind, obwohl sie zu diesen Vorläufern doch gar nichts getan haben – sie wollen eben die Gefühle des Stolzes erleben.“

 

„Herr Osof, Sie meinen also, dass Gott Gesetz ist?“

 

„So ist es - im übertragendem Sinn. Und so wäre es auch das beste Verhalten, sich den Gesetzen, also ‚Gott‘, anzupassen, denn die Anpassung ist wohl das Wichtigste für das Leben. Da die Gesetze alle Macht haben, wäre man gut beraten, sich diesen zu unterwerfen.“

 

„Sie meinen, sie zu erkennen und anzuerkennen?“

 

„So denke ich, ja.“

 

„Es mag ja alles so sein, wie Sie es ausführen, Herr Osof“, sagte ich, „aber ich glaube, viele können nicht anders: Sie müssen an Gott als eine übernatürliche Person glauben, damit sind sie aufgewachsen. Sonst ist in ihnen eine Leere und sie fühlen sich einsam und allein gelassen.“

 

„Das kann ich gut nachvollziehen“, nickte Phil Osof.

 

„Noch eine andere Frage: Glauben Sie nicht, dass Religion eine notwendige Voraussetzung für Menschlichkeit ist?“

 

„Das ist sie sicher nicht. Menschen haben in der Regel Empathie, also Einfühlungsvermögen. Unser Gehirn ist in der Lage, fremdes Innenleben nachzuempfinden. Wir können mitfühlen, weil Neuronennetze in uns dies spiegeln, imitieren, uns in die Situation hineinversetzen. Wir erleben also ähnliche Emotionen und können das Erleben anderer Menschen mehr oder weniger nachempfinden. Dies kann Anteilnahme und den Drang zum Helfen erzeugen. Das spielt sich oft völlig ohne religiösen Hintergrund ab.“

 

„Aber viele sagen, die Religion ist wichtig, um anderen zu helfen, weil sonst keine Barmherzigkeit aufkäme.“

 

„Ja, das sagen sie, weil sie die Religion aufrechterhalten wollen, von der sie gefühlsmäßig gespeist werden. Der Glaube an Gott ist unausrottbar und wird, so lange es Menschen gibt, existieren. Auch wenn die Gegenbeweise eindeutig sind, bleiben die Menschen bei ihrem Glauben. Das hat nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun, auch kluge Menschen agieren oft so. Glaube und Aberglaube werden immer stärker sein als der Verstand, weil Gefühle viel mächtiger sind. So werden auch intelligente Leute aus emotionalen Gründen ihren Glauben nicht ablegen wollen oder können.“

 

„Heißt das, dass der Intelligenzquotient bei der Frage des Glaubens keine wesentliche Rolle spielt?“

 

„Ja, das will mir so scheinen.“

 

 

„Warum fällt Menschen oft nicht auf, dass etwas nicht mehr zeitgemäß ist oder überhaupt nicht mehr stimmt?“

 

„Weil sie Verhalten, dass sie in den ersten Jahren ihres Lebens lernten, meist nicht hinterfragen, sondern es einfach übernehmen, weil es die Mitmenschen ebenfalls tun. Weil etwas ‚immer schon so war’, es die Gesellschaft gewohnt ist.“

 

„Wie sehen Sie die Vorschriften der Religionen? Diese geben ja feste Verhaltensregeln vor.“

 

„Es sind Anweisungen von Religionsgründern und -führern, um das Leben in der Gemeinschaft zu re­geln. Diese beziehen besonders den emotionalen Bereich ein und setzen Veränderungen oft erheblichen Widerstand entgegen. Es ist aber so, dass Verhalten sich jeweils an die veränderten Umweltbedingungen anpassen müsste, und so sollten sich eigentlich auch die Verhaltensanweisungen ändern. Das wird aber nicht gemacht, weil feste Dogmen herrschen. So kann es kommen, dass Vorschriften von Religionsführern, die tausend Jahre und älter sind, heute immer noch ihre Gültigkeit haben und Menschen sich danach richten, obwohl sich die Welt total gewandelt hat. Aber jeder hat wohl leerlaufende Verhaltensweisen, die sich in der Vergangenheit gebildet hatten, weil sie einmal nützlich waren und jetzt immer noch aktiv sind, Veränderungen ein starkes Beharrungsvermögen entgegensetzen, obwohl sich die Struktur der Welt geändert hat.“

 

„Sie meinen, diese Verhaltensweisen sollten eigentlich entrümpelt werden?“

 

„Das wäre gesund“, nickte Osof.

 

„Religion, Sekten, überhaupt der Glaube an Übernatürliches bringen für den Menschen den Vorteil – ähnlich wie Rauschmittel –  das über deren Mittelpunkt alles andere nicht mehr wahrgenommen wird.

 

Auch wenn es noch so schön ist, sich dem Gefühl hinzugeben, dass der eigene Glaube der allein Richtige ist, sollte man versuchen, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass ein Glaube letztlich kein Wissen ist. Also, wie jeder andere Glaube auch, nur ein Gefühl. Gefühle brauchen keine Beweise – und das kann zur Blindheit führen“.

 

 

 

2. Teil (Gespräch über Glaube, Gott und Religion)

 

 

 

„Herr Osof, Sie sind ja Atheist“, sagte ich, "wie lebt es sich ohne Gott?"

 

„In einem Leben ohne Gott hat man Freiheit - vor weltfremden Ideologien."

 

"Es fehlt Ihnen nichts?"

 

"Was sollte mir fehlen? Die Unfreiheit des Glaubens? Der Käfig, in den man gesperrt wird?“

 

„Sie sagten einmal: ‚Der Gottesglaube kann eine Sucht sein‘.“

 

„Das meine ich auch heute noch! Religion blendet. Gott, Religion, Glaube, Mystik, usw. können wirklich wie Drogen sein.“

 

„Aber braucht man nicht diesen Käfig, das Dogma der Religion, dass einem das Verhalten, wie man zu leben hat, vorschreibt? Es kann Werte geben, Geborgenheit, eine feste Weltanschauung. Und Werte braucht doch der Mensch - es sind seine Ziele, nach denen er lebt."

 

"Die Weltanschauung gebe ich mir selber. Und diese enthält die Werte, die mir Geborgenheit geben."

 

„Und wie steht es mit den Werten der Gesellschaft, wenn Sie sagen: ‚Die Weltanschauung gebe ich mir selber‘. Weicht Ihre Anschauung nicht von der Ihrer Umgebung, der Gesellschaft, in der Sie leben, ab?"

 

"Mehr oder weniger."

 

"Und das stört Sie nicht?"

 

„Selbstverständlich achte ich die Werte der Anderen. Und natürlich auch die persönlichen Werte der jeweiligen Menschen, mit denen ich zusammen bin. Das ergibt sich schon aus meinem Rahmen, in dem steht; Empathie, ein möglichst gutes Verhältnis zu den Menschen zu haben, auf sie zuzugehen und versuchen zu helfen.

 

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Stören würde mich die Unfreiheit, wenn ich nach Werten leben müsste, die nicht zu mir passen. Weiter stört mich die Realitätsferne, die der Glaube oft zur Grundlage hat. Religiöse Menschen können dem Leben - und der Welt - nicht offen ins Gesicht schauen, bzw. sehen das, was ihr Gehirn ihnen vorspielt. Ihr Dogma, genauer gesagt, ihre Ziele, lassen sie die Welt nur in einer bestimmten Struktur sehen.“

 

„Aber, wenn Sie diese Menschen fragen, würden sie sicher antworten, dass gerade sie selber dem Leben mit ihrem Glauben offen ins Gesicht sehen und Leute wie Sie, Herr Osof, die Welt nicht richtig sehen.“

 

„Da haben Sie wohl recht, Herr Hermsch. Und diese Meinung hat einen klar erkennbaren Grund.“

 

"Sie meinen das Mittelpunkt-Prinzip?"

 

"Ja. Der Mittelpunkt ist die Gestalt, die ein Ziel aus einem macht.“

 

„Also das Ziel, eine Struktur nach den Gesetzen zu bilden und alles andere dadurch nicht mehr wahrzunehmen?“

 

„Genau. Das Ziel hier ist die Ausführung des Glaubens, die den Menschen in eine dem Dogma entsprechende Gestalt bringt. Aus dieser Struktur sieht er die Welt. Alles andere wird ausgeblendet - und dies führt zur Realitätsferne und zu der Meinung, man selbst sieht die Welt richtig, der andere sieht sie falsch.“

 

„Der Glaube hat diese Menschen verhaftet?“

 

„Im wahrsten Sinne des Wortes, sie leben im Gefängnis des Glaubens.

 

Diese Abläufe zu beobachten sind für mich immer wieder faszinierend: Dass dies ausschließlich von den Neuronen im Gehirn gemacht wird, die sich zu Netzen verbinden und so die Welt gestalten, die der Mensch sieht“.

 

„Gott ist also lediglich eine Konstruktion des Gehirns?“

 

„Das ist völlig klar. Das Gehirn projiziert ‚Gott‘ in die Welt. Religion ist Kopfkino - mit den Gefühlen als treibende Kraft.“

 

„Sie meinen, das Thema ‚Gott‘ führt viele Menschen in die Blindheit?“

 

„Wenn man Tiefgläubige fragt, woher sie denn wissen, dass es Gott gibt, dann sagen sie: ‚Ich weiß das.‘ Und wenn man nachhakt, dass sagen sie: ‘Ich weiß, dass es Gott gibt.‘

 

Sie sagen selten, so wie es eigentlich richtig wäre: ‚Ich glaube, dass es Gott gibt.‘ Denn es ist ja lediglich ein Gefühl in ihnen, dass ihnen diese Gewissheit gibt.“

 

„Sie meinen, auch wenn Menschen sagen: ‚Ich glaube‘, dann meinen sie eigentlich ‚ich weiß‘.“

 

Osof nickte. „Und so sind sie in ihren Gefühlen gefangen, verloren in ihrem Gottesgefühl - können die Wahrheit nicht sehen.“

 

„Gläubige argumentieren oft so, um Gott zu beweisen: ‚Da alles aus etwas entstanden ist, bzw. von jemandem kreiert wurde, muss auch das Universum von jemandem kreiert worden sein. Und das ist Gott gewesen. Und Gott ist nicht zu hinterfragen; er ist der letzte Grund, er umfasst alles.‘

 

„Nun“, antwortete Osof, „für mich ist das Universum der letzte Grund; es war schon immer da, daraus entstand und entsteht alles. Das Universum kann nicht mehr hinterfragt werden, weil es alles umfasst.

 

Diese Ansicht, alles muss aus etwas entstanden sein, projizieren sie einfach aus ihrer Alltagserfahrung auf das Universum – ohne sich intensiv damit auseinanderzusetzen.“

 

 

Ich überlegte. Dann meinte ich: "Generell stört Sie am Glauben die Intoleranz?"

 

 

 

"Ja, und die Gewalt, die davon ausgehen kann - wie man in der Vergangenheit gesehen hat und in der Gegenwart sieht. Wie viele Grausamkeiten wurden und werden im Namen des Glaubens begangen."

 

"Wenn ich mir Religionen anschaue, finde ich oft das Wort 'Frieden'. Wenn nach Frieden gestrebt wird, wie können dann diese Grausamkeiten geschehen?"

 

"Weil jede Religion ihre eigene Sicht von Gott und der Welt hat. In aller Regel kollidiert diese mit den anderen Religionen. Die meisten Religionen behaupten, dass sie die alleinseligmachende Weisheit besitzen - die zum Frieden führt. Es ist klar: Wenn jede Religion sagt, es gibt nur einen Gott, nämlich den Eigenen, dann führt dies zu Konflikten mit anderen Religionen oder Weltanschauungen und oft zu Grausamkeiten.

 

Intoleranz entsteht, weil viele Menschen tatsächlich glauben, ihre Sicht also ihr Glaube sei das einzig Wahre. Denn jeder ‚Gott‘, jede Religion, jede Weltsicht hat ihre eigenen Ziele, ihr eigenes Wertsystem. Je extremer man dieses verfolgt, umso extremer ist das Verhalten gegenüber Andersdenkenden oder ‚Ungläubigen‘, das oft zu Gewalt und Unmenschlichkeit führt.“

 

"Sie meinen also, Gläubige sind wirklichkeitsfremd?"

 

„Zwangsläufig, weil der Glaube von Voraussetzungen lebt unvoreingenommenes Denken unmöglich macht. Etwa die Tatsache zu sehen, dass alles nach Substanzen und Gesetzen abläuft, organisch oder anorganisch, auf der Erde oder sonst im Universum. Das heißt, dass es nichts, auch nichts Übernatürliches etwa einen Gott gibt, was ‚frei‘ in die Abläufe eingreifen könnte. Daraus folgt, dass alles so geschehen musste, wie es geschah. Das ist die Wirklichkeit! Wer das nicht erkennt und Gottgläubige können dies nicht erkennen, weil ihr Glaube an Gott ihnen den Zugang versperrt ist wirklichkeitsfremd.“

 

 

 

„Aus ihrer persönlichen Einstellung fällt es Ihnen leichter, Herr Osof, Geschehnisse oder Verhalten hinzunehmen?“

 

„Ja, dafür brauche ich kein Glaubensbekenntnis, das mir zum Beispiel vorschreibt, meinem Nächsten zu verzeihen.

Man sieht, aus dieser Perspektive, die Vergangenheit, auch das, was eben geschah, mit anderen Augen. Man kann sie, wenn man darin geübt ist, in der Regel viel lockerer sehen als jemand, der glaubt, es gäbe die absolute Freiheit für den Menschen.“

 

"So akzeptieren Sie also auch die Grausamkeiten, die im Namen des Glaubens begangen wurden?"

 

"Es musste so geschehen, wie es geschah."

 

"So akzeptieren Sie also auch die Gräueltaten, die in der Gegenwart begangen werden?"

 

"Wenn ich sie nicht ändern kann, bleibt mir nichts anderes übrig. Was geschieht, muss geschehen, wie es geschieht.

Sehen Sie: Der Vorteil, ohne Gott zu leben ist, nicht in einer starren Struktur leben zu müssen die man nicht ändern kann. Man ist ohne Gott änderungs- und anpassungsfähig - was letztlich gesünder ist.

 

Ausschlaggebend ist die Einsicht, dass hier alles ein Produkt des eigenen Gehirns, letztlich der hier verankerten Urstrukturen ist.

 

Stellen Sie sich vor, aller Glaube und alle Ideologien würden von den Menschen als das angesehen, was sie eigentlich sind: Konstrukte unserer Gehirne. Das würde die Selbstverantwortung auf eine ganz andere Stufe stellen, weil der Überbau, der Glaube, mit dem man seine Sicht und seine Handlungen bewertet, nicht mehr da sein würde.

 

Der Mensch könnte etwa grauenhafte Handlungen an Andersdenkende nicht mehr mit Gott oder sonstigen Ideologien rechtfertigen, sondern würde, wenn es um die Rechtfertigung seines Verhaltens ginge, auf sich selbst verwiesen.“

 

 

„Würde es nicht in Anarchie enden, wenn religiöse und idealisierte Verhaltensweisen wegfielen?“

 

„Das würde es sicher nicht, weil an deren Stelle die Urstrukturen und der eigene Rahmen tritt, den man sich selbst gibt, der das eigene Verhalten regelt und die Gesetze der Gesellschaft, in der man lebt, berücksichtigt.

 

Wenn jemand, der bisher an Gott, Wunder, Mysterien usw. geglaubt hat, realisieren kann, dass es dies da draußen nicht gibt, sondern es eine Produktion seines Gehirns war, dann würde er die Welt plötzlich ganz anders sehen, sich ihr gegenüber auch anders verhalten.

 

Sätze wie: ‚Der Auftrag für mein Handeln kommt von Gott‘ stellen sich als absolut substanzlos heraus. Und: Man kann die Verantwortung nicht mehr auf ein höheres Wesen schieben.

 

Es tritt sofort die Eigenverantwortung auf dann erwartet man auch keine Hilfe aus dem ‚Himmel‘, sondern man weiß, dass man letztlich nur sich selber helfen kann.“

 

 

„Man sollte sich das  wirklich einmal bewusstmachen: Diese Menschen glauben, der ‚Himmel‘ legt seine Hand schützend über sie - so wie es früher ihre Eltern getan hatten. Aber der ‚Himmel‘ ist neutral. In Wirklichkeit verwechseln sie nur den ‚Himmel‘ mit ihren Eltern.“

 

„‘Der Himmel ist neutral‘ heißt also: Hilf dir selbst - es gibt keine Hilfe aus mystischen Quellen oder so, etwa von einem Gott?“

 

„Ja. Es ist wirklich ein Unterschied, ob man durch die Welt geht in dem Bewusstsein (besser gesagt: Wahrnehmung), jemand hält die Hand über einen, wie z.B. Gott, oder man ist für sich selbst verantwortlich.

 

Hilfe aus dem ‚Himmel‘ gibt es nicht.

 

Im ersten Fall geht man träumend durch die Welt, ist quasi noch in seiner Kinderzeit, wo die Eltern oder andere Bezugspersonen schützend ihre Hand über einen gehalten haben. Dazu gehört dann auch, dass man ganz bestimmte Erwartungen an das Leben hat: wie es zu sein hat, was es einem schuldig ist usw. Und in der Folge oft auch die Enttäuschung, die Wut über das Leben, über das Schicksal oder den ‚Himmel‘: weil etwas nicht so eingetroffen ist, wie man es erwartet hatte.

 

Geht man aber durch das Leben mit der Einstellung, man ist für sich selbst verantwortlich, und ist sich noch darüber hinaus bewusst, dass alles, was geschah, so geschehen musste, wie es geschah, dann bekommen diese Aufwallungen keine Nahrung. Und man kann sich viel schneller wieder von den Geschehnissen der Vergangenheit lösen und seine Energie auf das lenken, was vor einem liegt. Mit einem Wort: Man ist freier.“

 

 

„Wo kommt der Glaube her?“

 

„Die Wurzeln der Religion liegen in den Genen (in den Urstrukturen) und in der Kindheit.“

 

"Was halten Sie vom Beten?"

 

"Ich weiß, dass es keine Hilfe ‚aus dem Himmel’ gibt. Wenn ich etwas möchte, dann versuche ich mein Bestes zu geben, Strukturen und Gesetze zu erkennen, und mein Verhalten entsprechend zu steuern."

 

"Was halten Sie von den uralten Schriften, auf denen die Religionen basieren und von denen Menschen glauben, sie wurden von Gott diktiert?"

 

"Da ich nicht an Gott glaube, ist es für mich wirklichkeitsfremd, dass diese Schriften von Gott diktiert wurden. Ich denke, dass sie von Menschen erstellt wurden, die ihre eigenen und überlieferten Vorstellungen von der Welt zu Papier gebracht haben.“

 

„Also, dass dies ausschließlich Menschenwerk ist ohne übernatürliche Hilfe?“

 

„Natürlich. Aber es ist leider wirklich so: Die Menschen glauben, dass das, was Ihnen ihr Gefühl vorgaukelt, auch in der Welt wahr sei. Z.B., dass es einen Gott gibt, dass irgendeine mystische Person zu den Größen ihrer Religion gesprochen hatte, dass diese einen Auftrag von etwas Übersinnlichem erhalten haben.

 

Diese Gefühle können eine solche Intensität annehmen, dass sie den Menschen völlig versklaven.  Es ist ihnen unmöglich zu erkennen, dass es lediglich eine Gaukelei ihres Gehirns ist.

 

Dieser Ablauf ist der Sucht ähnlich. Der Süchtige ist nur noch auf Befriedigung aus. Alles andere wird im Wert herabgesetzt teilweise bis auf null.“

 

„Für viele Menschen ist der Glaube an ihre Religion, ihren Gott die einzige Hoffnung: Sie fühlen sich wohl damit. Der Glaube an Gott hilft ihnen“, warf ich ein.

 

„Möge jeder so leben, wie er möchte - solange er nicht gewalttätig wird“, erwiderte Osof. „Es gibt sicher in der Außenwelt dieser Gläubigen keinen realen Gott aber der Glaube in ihnen selbst kann als Antrieb oder Trost natürlich sehr wirksam sein.

 

Die meisten Menschen sind eingebunden, gefesselt in ihren Traditionen, Ansichten, Überzeugungen, die sie aus ihrer Kindheit in das Erwachsenenleben mitgenommen haben. Die sie erfahren und übernommen haben von ihren Bezugspersonen. Daher kommt der Glaube, dass Gott es schon richten wird, also in der Übertragung, dass seine früheren Bezugspersonen es schon richten werden.“

 

„So sind der Begriff und der Glaube an Gott eine Übertragung von dem Gefühl der Übermacht seiner früheren Bezugspersonen, etwa der Eltern?“

 

„So sehe ich es. Und deshalb kann es extrem ungesund sein, wenn man die Dinge einfach so in diesem Glauben laufen lässt. Weil man kein Kind mehr ist, über das die Erwachsenen schützend ihre Hand halten.

 

Daher: Was auch immer man will, man kann keine Hilfe vom ‚Himmel‘ in welcher Form auch immer erwarten. Die beste Hilfe ist, sich selbst zu helfen. Der ‚Himmel‘ schaut nur ungerührt zu was auch immer man macht oder was mit einem passiert!

 

Wenn man weiß, dass es keinem Gott gibt, der einem hilft - dann weiß man auch, wie gesagt, dass man letztlich nur sich selbst helfen kann.

 

Dies kann dazu führen, eigene Energien zu aktivieren, um Probleme zu lösen und Enttäuschungen zu vermeiden, in dem Sinne: ‚Warum hat Gott das zugelassen. Oder warum musste mir das passieren, liebt Gott mich nicht?‘ Oder so ähnlich.

 

Was auch immer geschehen sollte was man also erreichen möchte: Man sollte sich nie auf Hilfe vom ‚Himmel‘ verlassen. Sondern sein Schicksal selbst in die Hand nehmen! Mit dem eigenen, von einem selbst erstellten Rahmen.“

 

„Mit ‚Rahmen‘ meinen sie das gleiche wie Verfassung, etwa die Verfassung einer Gesellschaft?“

 

„Genau.“

 

 

"Welche elementaren Unterschiede gibt es noch zwischen der Einstellung, an Gott zu glauben und dem Leben ohne Gott?"

 

"Zum Beispiel befürworten die Gottesanhänger oft die Vergeltung, die Rache.

 

Ich sage, man sollte lediglich versuchen, ähnliches Verhalten in Zukunft zu verhindern.

 

Dazu kann natürlich aus Gründen einer funktionsfähigen Gesellschaft gehören, dass der Täter für sein Verhalten bezahlen muss, in welcher Form auch immer.“

 

"Wie steht es mit dem Glauben an den freien Willen?"

 

"Hier sind die Unterschiede nicht so groß, wie es im ersten Moment scheint:

 

Für Gottesgläubige ist der freie Wille selbstverständlich.

 

Ich weiß, dass es keinen freien Willen gibt, weil auf Grund der Werte und Gesetze alles vorbestimmt ist. Trotzdem handele ich in jedem Moment der Gegenwart so, als wenn ich einen freien Willen hätte, weil ich ja nicht weiß, was geschehen soll."

 

 

"Wie sehen Sie den Glauben an ein Leben nach dem Tod?"

 

"Als angestrebtes Märchen. Ich weiß, dass wir universell betrachtet nichts Besonderes sind. Verliert etwas im Universum seine spezielle Struktur, dann gibt es diese nicht mehr. Sie 'lebt' nicht irgendwo als ‚Geistwesen‘ weiter. So ist es auch bei uns Menschen; wenn wir sterben, verlieren wir unsere spezielle Struktur.“

 

"Sie meinen, wir verlieren zwar unsere individuelle menschliche Struktur, bleiben aber im Universum."

 

"Natürlich. Nichts und niemand kann aus dem Universum herausfallen, weil es alles umfasst. Wir waren, sind und werden immer im Universum sein. Es haben sich lediglich nach unserem Tod unsere Ziele aufgelöst, die unsere Mittelpunkte erzeugten die Welt, wie wir sie sahen."

 

 

"Sie sagen, man kann die Welt nicht erkennen, nicht sehen, wie sie 'eigentlich' ist?"

 

"Die meisten Menschen glauben, dass die Welt, so wie sie sie sehen, immer so ist. Aber man kann sie nicht generell erkennen, sondern immer nur aus einer Perspektive sehen. In unserem menschlichen Fall; aus der menschlicher Perspektive unseres Gehirns. Wir bilden die Welt aus unseren Zielen, die uns in eine entsprechende Gestalt bringen, in einen Mittelpunkt. So wird die Welt von uns gesehen, so formt das Gehirn sie. In dieser Form ist sie aber nur solange da, wie wir auch da sind, leben. Sind wir tot, dann gibt es auch diese Struktur der Welt nicht mehr."

 

“So ist die Welt eine Illusion?“

 

„Wer das meint, glaubt vielleicht, die Welt sei aus irgendeiner Perspektive so erkennbar, wie sie ‚im Grunde‘ ist. Und dass diese Perspektive dann die Allgemeingültige ist.

 

Ich glaube nicht, dass es in diesem Sinne eine allgemeingültige Sicht gibt – bis auf die Erkenntnis, dass alles aus Substanzen besteht, die nach Gesetzen ablaufen (es sei denn, dies wird wissenschaftlich widerlegt) . Ich glaube, dass, wer auch immer die Welt sieht, sie nur aus seiner Perspektive erkennen kann.

 

In der Regel ist dies eine reale menschliche Perspektive, die uns unser Gehirn zeigt – also keine Illusion in dem oben gesagten Sinne.

 

Und ich glaube, dass die Mathematik die Welt gut abbilden kann - allerdings natürlich nur abstrakt."

 

 

„Menschen, die an Gott glauben, sagen, der Sinn des Lebens ist, Gott zu dienen.“

 

„Wie gesagt: ’Gott’ ist nach meiner Meinung lediglich ein Produkt des Gehirns. Um es einmal ganz profan auszudrücken: Diese Menschen sagen eigentlich: ‚Der Sinn des Lebens ist, dem Gottesprodukt meines Gehirns zu dienen’.

 

Der Glaube kann enorme Energien erzeugen. Wenn man ihn geschickt nutzt, kann man die Menschen sehr gut für seine Ziele einsetzen. Dies machen sich Religionsführer und weltliche Herrscher gern zu nutze.“

 

 

„Was ist für Sie der Sinn des Lebens?“

 

„Zu leben, speziell: Die Wahrheit suchen. Darüber hinaus ist für mich der Sinn meines Lebens - Sinn heißt ja im Grunde ‚Ziel’ - meinen Rahmen einzuhalten, den ich mir selbst gegeben habe.“ 

 

„Sie sagten einmal: ‚Die Menschheit wächst bis zum Platzen’.“

 

Osof nickte. „Vor Milliarden von Jahren begann das Leben mit  Wachstum. Dieser Trieb steckt in allen Lebewesen, also auch im Menschen. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, wollen die Menschen immer mehr: weiter, höher, größer werden. Aber jedes Wachstum hat seine natürlichen Grenzen was die Menschen, die im Mittelpunkt des Wachsens sind, nicht sehen wollen oder können. Und so wachsen sie weiter, bis es die Grenzen überschreitet und die Blase platzt.

 

Dann beginnen sie aus den Trümmern erneut zu wachsen, bis die nächste Blase platzt.

 

Und so wird sich dieser Ablauf bis zum Ende aller Lebewesen wiederholen.“

 

 

„Und gegen diesen immer wiederkehrenden Ablauf gibt es kein Mittel?“

 

„Erkenntnis und Genügsamkeit aber wer strebt schon danach? Viel angenehmer ist es, sich seinem Drang, seinem Gefühl nach Wachstum hinzugeben und die Gefühle der Befriedigung zu erleben.

 

Eigentlich braucht man nur zwei ‚Sachen‘ im Leben: Gesundheit und ausreichend Mittel zum Leben.  Und zwar in dieser Reihenfolge.

 

Aber, wie gesagt, die Menschen streben in der Regel immer nach Wachstum, ihre Gier treibt sie nach immer mehr. Und das führt immer in die Katastrophe. Es ist wirklich so, als wenn man einem Ballon ständig mehr Luft zuführt. Irgendwann platzt er.“

 

Er seufzte. „Aber leider liegt es, wie gesagt, in den Lebewesen.“

 

 

„Sie sind zufrieden, Herr Osof?“

 

„Das bin ich tatsächlich. Sehen Sie: Die Zufriedenheit richtet sich nach der Höhe der Erwartung. Und nach der realistischen Einschätzung bezüglich der Ziele, die man sich selbst setzt. D.h., ob diese erreicht werden können.

 

Und ich erwarte nicht zu viel.

 

Ich fühle mich wohl, so wie es jetzt ist: Ich bin relativ gesund, habe ausreichend Geld, keine exorbitanten Wünsche und werde nicht von der Gier getrieben, immer mehr haben zu wollen. Für mich wäre diese Art zu leben, eine Sklaverei.

 

Ich bin sehr froh darüber, nicht diesem Drang zu unterliegen, relativ anspruchslos zu sein und mich dadurch frei fühlen zu können.“

 

 

 

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