Gespräch über falsche Ziele

 

Ich habe einmal ein Gespräch mit Phil Osof geschrieben, dass ich hier wiederholen möchte. Der Zeitpunkt liegt vor dem "Gespräch über die zentrale Bedeutung der Ziele."

 

 

 

 

„Sie sprachen von ‚Falschen Zielen‘. Wie würden Sie die definieren?“, fragte ich.

 

"Falsche Ziele sind Verhaltensweisen, die einem selbst (und eventuell anderen) schaden“, antwortete Phil Osof.

 

„Zunächst einmal: Ziele sind das Wesen des Universums. Genauer gesagt: Alles will eine Gestalt eine Struktur nach den Gesetzen bilden.“

 

„So ist es auch mit den Menschen?“

 

„Natürlich, der Mensch steht nicht außerhalb des Universums entsprechend unterliegt er ebenfalls diesem Prinzip; läuft nach Zielen ab:

 

Das Anorganische richtet sich nach Gesetzen aus (was man als Ziel bezeichnen kann).

Das Organische ebenfalls. Hier kommen aber noch die Ziele des Überlebens hinzu, die die Abläufe komplizieren und weitere Gesetze zum Zuge kommen lassen.

 

Nun gibt es gesunde und ungesunde Ziele, die letzteren nenne ich ‚Falsche Ziele‘. Diese lassen einem, wenn man darauf eingeht, über die Mittelpunkt-Mechanik die Folgen möglichst nicht sehen. Alles, was ihnen gefährlich werden könnte, wird automatisch im Wert herabgesetzt. So können sie einen mehr oder weniger gestalten und entsprechend ungesund handelt man.“

 

„Könnten Sie ein Beispiel für falsche Ziele geben?“

 

„Nun etwa eine Sucht. Wen man hiervon betroffen ist, können etliche gesunde Ziele in einem oft nur noch eingeschränkt funktionieren.“

 

„Mögen Sie sagen, was Ihre falschen Ziele sind?“

 

„Meine persönlichen? Z.B., alles, was nicht zu meinem Rahmen passt, dessen Regeln ich mir selbst gegeben habe und in dem Gesundheit ein wichtiges Ziel ist.“

 

Osof überlegte. „Es ist doch so: Nicht alles, was einem gefühlsmäßig aufsteigt oder gedanklich in den Kopf kommt, ist richtig, also gesund.“

 

„Sie trauen Ihrem Gefühl nicht?“

 

„Je mehr Erfahrung ich auf einem Gebiet habe, umso mehr traue ich meinen Gefühlen.“

 

„So könnte man die Regel setzen: Je mehr Erfahrung man in einem Gebiet hat, umso mehr kann man seinem Gefühl trauen, wenn man Entscheidungen zu treffen hat - und umgekehrt?“ konstatierte ich.

 

Er nickte zustimmend. “Menschen werden in eine Gesellschaft hineingeboren und nehmen deren Ziele an…“

 

„Sie meinen, aus dem eben genannten Grund, einige dieser Ziele könnten falsch sein?“ unterbrach ich ihn.

 

„Sicher. Da sie den Menschen gestalten, er von ihnen in eine bestimmte Struktur gebracht wird, kann er das Negative daran oft nicht sehen, oder wenn doch, nur schwer ändern, weil sie einen zähen Beharrungseffekt haben. Sie sind intrinsisch und oft autoritär.

 

Das Gehirn arbeitet mit Ähnlichkeiten also reagiert man im späteren Leben in ähnlichen Situationen auch ähnlich und hat Schwierigkeiten, dieser Falle zu entgehen, wenn diese Reaktionen im Laufe der Zeit ungesund geworden sind. Etwa, weil man sich dadurch einer veränderten Welt oder neuem Wissen schlechter anpassen kann. Ändern könnte man es eventuell durch Einsicht in den aktuellen Grund und den Ablauf.“

 

 

Er überlegte kurz.  „Um noch einmal auf das Wesen der Ziele zu kommen: Wie Ziele wirken, wie man etwa in ungewöhnlichen Situationen von ihnen regiert wird, merkt man an sich selbst, wenn man manchmal reagiert, obwohl man so gar nicht reagieren wollte.“

 

Ich nickte. „Sie definierten es einmal so: ‚Der Mittelpunkt ist die Gestalt, die ein Ziel aus einem macht‘.“

 

„Ja, in diesem Fall, wie das falsche Ziel wirkt. Der Mittelpunkt strukturiert die Wahrnehmung der äußeren Welt und die von einem selbst. Er wählt aus dem, was er vorfindet und von dem er meint, dass es einen Wert für das Ziel hat, aus. Alles andere wird im Wert herabgesetzt. Das Ziel gibt der Welt die Gestalt. Das kann so weit gehen, dass man die Dinge so, wie sie eben noch waren, nicht mehr sieht, weil sie total umgewertet werden. Der Mittelpunkt kann wie ein Zauberer sein, der alles blitzschnell verändert. So wird eine neue Welt geschaffen. Dadurch entsteht Freiheit, das heißt, man nimmt vieles nicht oder nur noch am Rande wahr. Gleichzeitig ist man jedoch auch im Mittelpunkt gefangen und sieht etliches nicht mehr. Es tritt nur noch das in den Vordergrund, was wichtig ist. Alles andere ‚vergeht‘ sozusagen.“

 

„Der Mittelpunkt übernimmt dann also die Regie, gestaltet den Menschen?“

 

„Ja. Ziele sind die zentralen Faktoren. „Alles hat das Ziel, eine Gestalt nach den Gesetzen zu bilden. Was auch immer man hinterfragt, analysiert oder nach den Ursachen forscht: Man wird ausnahmslos Ziele finden, die einen über die jeweiligen Mittelpunkte entsprechend strukturiert hatten.

 

 

Osof schwieg eine Weile. Dann fuhr er fort: „Bezüglich des Herausfindens der falschen Ziele: Allerdings kann es manchmal sehr schwer sein, zu sehen, welche Ziele hinter einem Verhalten stecken. U.a. dann, wenn diese zu der dunklen Seite des Menschen gehören.“

 

„Unter ‚dunkle Seite‘ verstehen Sie was genau?“

 

„Alles, was nicht oder nur schwer mit den eigenen Gewissen den Vorstellungen und Idealen zu vereinbaren ist und was das Selbstwertgefühl verletzen könnte. Diese Ziele können sich sehr geschickt tarnen. Es braucht, wenn man sie aufspüren will, teilweise eine extreme Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Und diese ist oft schmerzlich, weil das schöne Bild, das man von sich selbst hat, unangenehm und manchmal sehr peinlich beeinträchtigt werden kann. Der Mensch möchte möglichst sein bisheriges positives Selbstbild behalten.“

 

„Selbsterkenntnis kann also schwer sein.“

 

„Ja, und wird umso schwerer, je tiefer man in seine dunklen Schichten vorstößt.“

 

„Was sollte man, allgemein gesprochen, anstreben?“ wechselte ich das Thema.

 

„Gesundheit und ausreichende Mittel zum Leben.“

 

„Das hört sich relativ bescheiden an.“

 

„Es ist gesund, sich zu bescheiden. Und ich finde, man sollte seine Ziele nicht zu hochstecken, denn nicht zu erreichende Ziele sind immer falsche Ziele.“

 

„Mit welchen Auswirkungen?“

 

„Wenn man durch das ständige Nichterreichen eines unmöglich zu erreichenden Zieles Gefahr läuft, auf Dauer frustriert zu werden das kann zu Depressionen führen.“

 

„Also sollte man seine Ziele realistisch setzen.“

 

"Wichtige Ziele werden in der Kindheit gesetzt. Kommen die Eltern auf die Idee, ihrem Kind etwas für sein Leben abzuverlangen, dass es unmöglich, auch aus seiner späteren Struktur, erreichen kann, dann pflanzt man in den Menschen ein falsches Ziel, dass ihn bis zum Lebensende stressen kann. Oft setzen sich solche Ziele im Unbewussten fest und sind schwer aufzudecken.

 

Jedenfalls: Da die Zufriedenheit sich nach der Höhe der Erwartung richtet, sollte man sich kein zu hohes oder kaum zu erreichendes Ziel setzen. Weil man damit mit hoher Wahrscheinlichkeit die eigene Unzufriedenheit setzt.“

 

„Sie meinen, je weniger ein Ziel erreicht wird, umso mehr kann die Unzufriedenheit wachsen.“

 

Er nickte. „Ein falsches Ziel ist es auch, zu versuchen, Dinge der Vergangenheit zu ändern, etwa, weil man Fehler gemacht hatte. Jeder, der die Vergangenheit und dazu gehört auch die jüngste, also das, was eben gerade passiert ist nicht akzeptiert, verfolgt ein falsches Ziel: Nämlich die merkwürdige Annahme, die Welt hätte so ablaufen sollen, es hätte so geschehen sollen, wie man es sich selbst vorgestellt hatte.“

 

„Akzeptanz heißt aber nur, nicht gegen die Vergangenheit zu kämpfen, sondern die Zukunft, und dazu gehört auch die jüngste, versuchen, anders zu gestalten, oder?“ warf ich ein.

 

„So meine ich es. Andernfalls wird Energie unnütz vergeudet.“

 

„Ein falsches Ziel ist also auch, wenn nicht das eingetroffen ist, was man erhofft hat und man darauf wütend ist, sich beschwert über das Schicksal? So ist die Wut auf die Welt, die Nichtakzeptanz immer ein Fehler?“

 

„Natürlich.“

 

„Für den Totkranken etwa ist Leben am Leben bleiben ein falsches Ziel?“

 

„Ja, das ihn quälen wird, solange sein Ziel nicht der Tod ist.“

 

„Also solange er nicht loslassen kann?“

 

„Ja, um gelassen zu werden von dem alten Ziel, zu leben.“

 

 

Osof überlegte kurz und sagte dann: „Auch wenn ich mich wiederhole: Was geschah, musste geschehen, wie es geschah.

 

Alles Ungesunde, das man anstrebt, sind falsche Ziele. Und man hat die gnadenlose Freiheit, diese zu verfolgen - und die Folgen zu tragen. Ein gutes Beispiel für falsche Ziele sind Gedanken und Gefühle, die einen vorgaukeln, dass sie von Gott oder einer höheren mystischen Instanz kommen. Weil es weder Gott, noch eine höhere mystische Instanz gibt.“

 

„Man sollte also sehen, welche Ziele in einem sind, sich eingenistet haben?“

 

„Es ist sehr wichtig, sich selbst zu erkennen. Hierzu zählt, wie gesagt, der Glaube, dass es einen Gott gibt. Dazu könnte einem vielleicht die Beschäftigung mit seinen Urstrukturen helfen.

 

Oder etwa, dass das Leben, allgemein gesprochen, keinen Sinn hat.“

 

„Allgemein?“

 

„Damit meine ich, dass man diese Aussage nicht generell treffen kann, denn der Sinn des Lebens ist ja zu leben und Nachkommen zu erzeugen“, erklärte Osof. „Eingeschränkt mag wohl gelten, dass das Leben keinen Sinn mehr hat, wenn man etwa unheilbar krank ist und unter unerträglichen Schmerzen leidet.

 

Nun, jedenfalls können sich falsche Ziele in den Menschen katastrophal auswirken - für den Menschen selbst und für seine Mitmenschen.“

 

„Dazu gehört auch der Aberglaube?“

 

„Aber sicher. Aberglaube also glauben trotz aller Gegenbeweise ist ein falsches Ziel, das den Menschen die Welt verkehrt sehen lässt.“

 

„Vielleicht will der Mensch die Welt so sehen obwohl diese Sicht nicht die richtige ist?“

 

„Das könnte ich mir vorstellen. Der Mensch blendet gerne automatisch mit der Mittelpunkt-Mechanik aus, was seinen Glauben beeinträchtigen könnte.

 

Es gibt auch Menschen, die glauben, dass alles, was in ihnen ist, bzw. aus ihnen herauskommt, richtig und gesund ist und vielleicht glauben, dass eine höhere Instanz etwa Gott dies so eingerichtet hat.

 

Das blendet, macht blind durch dieses falsche Ziel, dass ihnen eventuell sogar vorgaukelt, man selbst ist in sich vollkommen.

 

Dies gehört zu dem Bereich der Selbstzufriedenheit; alles möglichst in einem positiv zu sehen und sich dadurch zufrieden zu fühlen.

 

Wer so gestaltet ist, arbeitet natürlich nicht an sich, stellt Teile von sich nicht in Frage und macht so immer die gleichen Fehler. Und kann eine Gefahr für sich und andere sein, weil diese Menschen oft niemanden durch die Mauer lassen, die sie um sich errichtet haben.“

 

„Zentrale Punkte, um zu vermeiden in die Fänge falscher Ziele zu kommen, ist also zunächst die Selbsterkenntnis und dann noch wichtiger - sich selbst zu überwinden?“

 

„Ja. Aber wie gesagt: Der Mensch hat die gnadenlose Freiheit, seine Fehler zu machen. Er hat aber auch die Chance gesund zu leben und sich mit ausreichen Mitteln zufrieden zu geben.“

 

„Also alles, was ungesund ist, möglichst zu vermeiden.“

 

„Ja. Etwa: Völlerei, Eitelkeit, Neid, ein Sklave der Triebe zu sein, den Drang zu Drogen oder Konflikte mit Gewalt lösen zu wollen.

 

Zu dem Letzterem: Ich persönlich versuche, Konflikte mit dem Kopf und dem Gefühl zu lösen. Denn alle Geschichte zeigt: Gewalt erzeugt Gewalt! Daraus folgt: Gewalt bis auf wenige Ausnahmen ist keine Lösung.

 

Jedenfalls: Für diese Wucherungen des Lebens gibt sich der Mensch oft seinen einfachen Gefühlen hin, die die jeweiligen Themen bis zur Befriedigung bedienen. Dies ist, mit zwei Worten gesagt: leicht und ungesund.“

 

 

Nach einer weiteren Pause sagte Osof: „Es kann unbeschreiblich schön sein, von sich selbst genauer gesagt: von seinen falschen Zielen gelassen zu werden. Wenn man in dem Rahmen ist, den man selbst zusammengestellt hat und dadurch viel Freiheit hat von den negativen Zielen.“

 

„Der Rahmen ist quasi die Verfassung, die man sich selbst gibt so kann man sagen, dass er einen vor sich selbst schützt?“  fragte ich.

 

„Ja. Der Rahmen fördert die positiven und mindert die Energie der negativen Ziele“, bestätigte er.

 

"Er ist auf (Selbst)Erkenntnis aufgebaut. Um auf Veränderungen reagieren zu können, ist er flexibel –  im Gegensatz zu den Dogmen der Religionen."

 

 

 

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Eine Studie:

 

(Quelle: Neuroscience news) - 2018:

 

The Declaration of Independence guaranteed Americans the right to pursue happiness, and we haven’t stopped looking for it since. But despite the college coursesresearch labs and countless self-help books dedicated to that search, only 33% of Americans actually said they were happy in a 2017 survey.

 

A new paper may help explain why: We’re trying too hard.

 

The research, published in the journal Emotion, found that overemphasizing happiness can make people more likely to obsess over failure and negative emotions when they inevitably do happen, bringing them more stress in the long run.

 

“Happiness is a good thing, but setting it up as something to be achieved tends to fail,” explains co-author Brock Bastian, a social psychologist at the University of Melbourne School of Psychological Sciences in Australia, in an email to TIME. “Our work shows that it changes how people respond to their negative emotions and experiences, leading them to feel worse about these and to ruminate on them more.”

 

The study involved two separate experiments. In the first, a group of Australian psychology students were asked to solve 35 anagrams in three minutes — but, unbeknownst to them, 15 couldn’t be solved. Thirty-nine of the students completed this task in a room decorated with motivational posters, notes and books. The proctor in this room was also told by the experimenters to speak cheerfully, and to off-handedly mentioned the importance of happiness. Meanwhile, another 39 students completed the same test in a neutral room, with a neutral proctor. A third group of 38 students completed a solvable task in a room that emphasized happiness similarly to the first room.

 

Afterward, the researchers asked all students to do a breathing exercise, during which they were periodically asked about their thoughts. Compared to the other two groups, students who performed the impossible task in the “happiness room” were more likely to think back to their failure and get stuck on these negative thoughts, which was in turn associated with feeling more negative emotions. Those who completed the impossible task in the neutral room and those who completed the solvable task in the happiness room did not differ significantly in how much they thought back to the exercise.

 

In a second experiment, the researchers asked about 200 American adults how often they experienced and thought about negative emotions, as well as their views on how society perceives those emotions. Participants who said they felt like society expects them to be happy, or looks down on emotions such as anxiety and depression, were more likely than other respondents to stress about feeling negative emotions, and to experience reductions in well-being and life satisfaction as a result.

 

“When people place a great deal of pressure on themselves to feel happy, or think that others around them do, they are more likely to see their negative emotions and experiences as signals of failure,” Bastian says. “This will only drive more unhappiness.”

 

Bastian says the study isn’t a condemnation of trying to be happy; rather, it underscores the importance of knowing and accepting that feeling unhappy sometimes is just as normal and healthy.

 

“The danger of feeling that we should avoid our negative experiences is that we respond to them badly when they do arise,” Bastian says. “We have evolved to experience a complex array of emotional states, and about half of these are unpleasant. This is not to say they are less valuable, or that having them detracts from our quality of life.”

 

In fact, recent research has suggested that experiencing negative emotions can ultimately boost happiness, and another new study finds that stressful or unpleasant situations may help people process bad news. Bastian also adds that failure can be invaluable for learning and growth.

 

“Failure is critical to innovation, learning and progress,” he says. “Every successful organization knows that failure is part of the road to success, so we need to know how to respond well to failure.”

 

Doing so will likely take a culture change. A society that embraces messy emotions and experiences, Bastian says, is one that is poised for better mental health.