Gespräch über die zentrale Bedeutung der Ziele

 

Da ich mich im Laufe der Jahre mit unzähligen Menschen über diese Themen unterhalten habe, und deren Meinungen oft in meine Schreiben Eingang gefunden haben, nenne ich die GesprächspartnerInnen hier wertneutral GP. 

 

 

 

 

Ziele

Ziele (synonym oft Werte) bestehen aus Netzwerken von Neuronen und Synapsen. Diese wirken als Strickmuster und markieren bzw. generieren bei Aktivierung einen Weg dahin. Dafür strukturieren sie den Menschen und die Welt.

„Sie sagen, alle Lebewesen richten sich nach Zielen aus. Wie sind Sie darauf gekommen?“ war GP neugierig.

„Ich habe mich gefragt, warum Menschen tun, was sie tun. Und habe immer wieder beobachtet, dass im Wachzustand Ziele die Menschen gestalten - und zwar ausnahmslos (solange sie im Wachsein sind).“

„Und außerhalb des Wachseins?“

„Befindet man sich im Schlaf, oder ähnlichen Zuständen, in denen die Mittelpunkte in ihrem Wirken nachlassen.

„Wie definieren Sie ‚Ziele‘?“

„Eine Struktur zu bilden, die zu dem angestrebten Endpunkt eines Weges führt. Dazu braucht es zweierlei: Einmal muss der Mensch in sich selbst eine Struktur bilden und er muss die Welt in einer Struktur sehen, die einen geeigneten Weg zeigt. Und so machen es alle Lebewesen, weil deren ursprüngliches Ziel das Überleben ist.“

„D.h., das Lebewesen strukturiert sich selbst, bringt sich in eine andere Gestalt?“ fragte GP.

„Nein, das jeweilige Ziel bildet diese Form“.

 

 

 

Willst du dich selbst erkennen, frage dich nach deinen Zielen.

 

 

 

„Ziele haben ja ein sehr großes Gewicht in Ihrem Theoriengebäude“, sagte GP.

 

Tatsächlich wird davon alles strukturiert“, nickte ich. „Nehmen Sie das System Leben. In jedem Lebewesen gibt es ein Spektrum an Zielen, die sich relativieren, ablösen, miteinander verbinden, gemeinsam agierende Gruppen bilden, überdecken, um die Vorherrschaft ringen und sich in einer teilweise abwechselnden Hierarchie ordnen. Ziele kommen hinzu, andere verändern sich oder erlöschen. Jedes Ziel hat, bzw. erzeugt, wenn andere Ziele hiervon berührt werden und Gefahr laufen, beeinträchtigt zu werden, seine Gegenspieler. Und jede Handlung erfolgt durch ein Bündel von Zielen, die jeweils Strukturen entwickeln, Kompromisse schließen, sich verstärken oder abschwächen. Viele Ziele ändern sich im Laufe des Lebens, bis auf die ganz tiefliegenden, zum Beispiel der Lebenstrieb. Dieser bleibt immer bestehen, auch wenn man sehr alt ist.“

 

„Das hört sich sehr kompliziert an“, meinte GP.

 

„Ist es auch“, nickte ich wieder. „Das ganze System ist ungeheuer vielfältig und verschachtelt. Das macht es so schwierig, genau zu sagen, wo die Triebfedern des Handelns herkommen.

 

Jedes Verhalten wird, wenn man es zurückverfolgt, im Lebenstrieb seinen Ursprung haben. Meist liegen zwischen diesem und dem augenblicklichen Verhalten sehr viele Zwischenstufen. Deshalb ist es oft schwer, die Verbindungen zu finden. Aber je jünger ein Lebewesen ist, umso leichter lassen sich diese feststellen. Im Laufe seines Lebens differenziert der Mensch immer mehr. Er baut sich, je nachdem, welche Ziele er in sich trägt, immer mehr aus.“

 

„Kann man der Psyche nie auf den Grund gehen?“

 

„Nicht bis ins Kleinste. Wenn man aber versuchen will, sich selbst zu erkennen, hilft das Wissen, dass alles in einem von Mittelpunkten gestaltet wird – wie die Ziele des ICHs, die sich ja im Gehirn befinden, und eine wesentliche Rolle spielen.

 

Letztlich kreisen die Menschen immer um die gleichen grundliegenden Ziele, nur der Inhalt ist jeweils anders. Das oberste Ziel ist in aller Regel der Lebenstrieb, der, wie es scheint, immer weiterwachsen und mehr will, dicht gefolgt von dem Ziel der Orientierung, dass dem Menschen sein Umfeld zeigt, welches für ihn von Wert ist, im positiven oder negativen Sinne, um entsprechend reagieren zu können. Der wesentlichste Gestaltungsfaktor ist dann die Gruppe – beginnend mit zwei Menschen – die Gesellschaft, in der man lebt. Das Ziel, anerkannt zu werden, ist wohl mit das stärkste, das einen im Leben gestaltet. So kann die Gesellschaft, in der man lebt, total zur eigenen Welt werden, das heißt, sie kann einen über ihre Ziele, anders ausgedrückt: Werte, die u.a. durch den Sozialisierungsprozess verankert wurden, absolut gestalten und andere Ziele nicht zum Zuge kommen lassen.“

 

 

„Sie sagen, ohne Mittelpunkt gäbe es kein Leben?“

 

„Lassen Sie mich noch mal definieren, was ich unter ‚Mittelpunkt’ verstehe: Er bedeutet die Welt, die erzeugt wird, um ein Ziel zu erreichen. Alles andere wird mehr oder weniger abgeschirmt. Er wählt aus dem, was er vorfindet und von dem er meint, dass es einen Wert für das Ziel hat, aus und gibt der Welt die Gestalt. Stellen Sie sich einmal das Unvorstellbare vor: ganz ohne Ziele zu sein. In Ihnen wäre nicht mehr das Ziel zu überleben, Ihre Bedürfnisse zu befriedigen, sich zu orientieren. Schon bei der Entstehung des ersten Lebens auf der Welt würden Sie das Ziel des Überlebens finden, das die ‚Sicht’ gestaltete, und die vorgefundene Welt in eine Form brachte.

 

Ein starkes Ziel kann den Menschen für eine gewisse Zeit völlig einnehmen und ihn total strukturieren. Das kann man sehr gut an dem Phänomen der Liebe sehen oder wenn man eine Aufgabe vor sich hat, die einen völlig fesselt. Alles in einem wird, soweit es geht, danach ausgerichtet.“

 

„Sie sagten, die Ziele im Menschen sind hierarchisch ausgerichtet. Meinen Sie damit, dass es eine Kommandozentrale im Gehirn gibt?“

 

„Nein, die gibt es nicht. Ich meine damit, dass der Rang umso höher ist, je wichtiger jeweils die Ziele sind. Zum Erreichen schließen sich Nervenzellen zu gemeinsam agierenden Gruppen, Ensembles, zusammen. Die Hierarchie kann sich ständig ändern.“

 

„Wann und wie sind diese Netzwerke eigentlich entstanden?“

 

„Der Säugling besitzt schon zum Zeitpunkt seiner Geburt quasi die komplette Menge an Neuronen, aber nur einen geringen Teil der Nervenfortsätze und Synapsen. Diese vermehren sich nach der Geburt in atemberaubendem Tempo und vernetzen die Neuronen, es bilden sich sehr viele Netzwerke. Diese werden dann verstärkt oder lösen sich wieder auf.“

 

„Nach welchen Regeln?“

 

„Es kommt darauf an, welchen Wert sie haben und wie intensiv sie genutzt werden. Die Erfahrungen mit der Umwelt bestimmen, welche Nervennetze stärker werden, Bestand haben und welche nicht.“

 

„Ausschlaggebend dafür sind also die Erfahrungen, die das Lebewesen in den verschiedenen Lebensphasen macht?“

 

„Je wichtiger etwas für ein Lebewesen ist, umso mehr lernt es in dieser Beziehung. Neuronennetze werden verstärkt, umgestaltet oder bilden sich neu.“

 

„Reagieren die einzelnen Neuronen nur auf einen speziellen Impuls?“

 

„Nein, sie können auf verschiedene Impulse mit jeweils anderen Neuronen Strukturen bilden, haben sozusagen Mehrfachfunktion: Für die jeweiligen Ziele wohnt vielen Nervenzellen die Möglichkeit inne, sich in Millisekunden auf einen Impuls hin mit anderen Zellen, die ein gleiches Potential in sich haben, zu organisieren. Nehmen Sie etwa eine lebensbedrohende Situation. Diese strukturiert über diverse aktivierte Neuronen blitzschnell die Struktur um. Je mehr das Leben, das Überleben betroffen ist, umso stärker sind die Aktivitäten.“

 

„Es wird also kein Befehl von ‚oben’ gegeben?“

 

„Der ‚Befehl’ ist die Wahrnehmung, der Impuls, der dann in Reaktionen umgesetzt wird – wenn ein Ziel dafür vorhanden ist, und der Impuls die entsprechende Wertigkeit besitzt.“

 

„Was entscheidet über die Wertigkeit?“

 

„Die in einem liegenden Ziele.“

 

„Aber, wenn Sie sagen, dass der Lebenstrieb in aller Regel ganz oben in der Hierarchie steht, dann müsste der doch irgendwo zu finden sein!“

 

„Er liegt in den Urstrukturen der Lebewesen".

„Könnte man die Ziele im Menschen als Neuronenverbände definieren, die u.a. durch Reize angeregt werden, eine Gestalt zu bilden?“

 

„Ja. Und im gleichen Stil, wie Neuronen Mehrfachfunktionen haben können, ist es auch mit den einzelnen Zielen: Sie können sich zu Gruppen organisieren – zu Zielen, die Handlungsgestalten bilden können. Immer werden parallel diverse Ziele angereizt, die gemeinsam Strukturen bilden.“

 

“Lassen Sie mich wiederholen: Der Impuls, der Reiz von außen oder innen aktiviert Ziele, diese aktivieren weitere Neuronennetze und diese wieder Lösungsprogramme.“

 

„So ist der Ablauf“, bestätigte ich.

 

„Wenn man von einem Mittelpunkt in den anderen geht, ist es dann so, dass man von einem Neuronennetz in andere wechselt?“

 

„Ja, der Mittelpunkt besteht in aller Regel aus gemeinsam agierenden Netzen mit den jeweiligen Gewichtungen.“

 

„Noch einmal gefragt: Alles unterliegt Zielen?“

 

„Ja, ob anorganisch oder organisch.“

 

„Also nicht nur die Lebewesen?“

 

„Schauen Sie: Nach dem Urknall gab es hauptsächlich Wasserstoff, Helium und etwas Lithium. Aus diesen Gasen entwickelten sich dann unter großen Drucken Galaxien mit Sonnensystemen und Planeten, und es bildeten sich in dieser Zeit alle Elemente, die wir heute kennen. Alles dies war bis zu einem bestimmten Zeitpunkt anorganisch.“

 

„Und unterlag Zielen?“

 

 Alles hat das Ziel, eine Gestalt nach den Gesetzen zu bilden. Genau dem unterliegt auch alles Organische. Gemeinsam ist ihnen also, dass sie von Zielen gesteuert werden. Aus dieser Perspektive gibt es keinen Unterschied zwischen Unbelebtem und Belebtem. Bei Letzteren kommen ‚nur’ noch die Ziele des Überlebens hinzu, die zu immer komplexeren Strukturen geführt haben.“

 

Nach einer Pause fuhr GP fort.

 

„Sie kennen sicher Max Wertheimer, der sagte: ‚Es gibt Zusammenhänge, bei denen nicht, was im Ganzen geschieht, sich daraus herleitet, wie die einzelnen Stücke sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, wo – im prägnanten Fall – sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen.‘“

 

Ich nickte. „Diese inneren Strukturgesetze ergeben sich durch Ziele im Menschen; sie nehmen auf, für was er empfänglich, für ihn wichtig ist, und speichern dies als eine Ganzheit. Das sind zum Beispiel beim Musikhören natürlich die Melodie und nicht die einzelnen Instrumente. Diese ganzheitliche Sicht ist eine wichtige Eigenschaft aller Lebewesen.“

 

„Die Gestalttheorie Wertheimers versucht also die Gesetze zu klären, nach welchen das Gehirn Elemente zu einem Ganzen zusammengefügt“, schloss GP.

 

„Diese erklären sich weder aus den Gesetzen der einzelnen Teile noch aus deren Summe“, ergänzte ich, „weil sich immer, wenn man etwas hinzufügt, andere Gesetze ergeben. Sie erklären sich aber durch das jeweilige Ziel, das alle Teile mit seinem Mittelpunkt in eine dem Ziel angemessene Gestalt bringt.

 

Das ganzheitliche Erkennen macht Sinn, um mit Situationen besser und schneller umgehen zu können.“

 

 

„Ich fasse es noch einmal zusammen“, sagte GP. „Die ganzheitliche Sichtweise des Gehirns hat das Ziel, schnelle Entscheidungen fällen zu können würde es jedes Mal auf alle Details eingehen, dann verzögert dies sein Erfassen bzw. seine Entscheidung. Diese ganzheitliche Sicht entsteht im Menschen durch Erfahrungen, die er in ähnlichen Situationen schon mal gemacht hat. Da diese aber nur ähnlich sind, heißt das nicht unbedingt, dass sie bezüglich dieses Zieles angemessen ist bzw. das vor einem Liegende richtig deutet.“

 

„Richtig. In der Regel ergibt sich dadurch eine Struktur, mit der man umgehen kann, ohne sich in Details zu verlieren. Es kann aber auch dazu führen, dass das Gehirn etwas Falsches kreiert. Dies kann unangenehme Folgen haben, weil man mit diesen ‚Fakten‘, die man als Suggestionen bezeichnen kann, weiterlebt, die die Einstellung und das Verhalten beeinflussen. Es ist der Grund für Verwechslungen der vielfältigsten Art. Der Kreativität und Fantasie des Gehirns sind keine Grenzen gesetzt, es ‚erklärt‘ alles. Besonders dann, wenn man etwas nicht genau weiß oder erkennt. Bemerkt man dies und es ist wichtig, korrigiert sich das Ziel.“

 

„Und Sie sagen, alles im Universum würde von Zielen gestaltet“, war GP neugierig.

 

„Alles hat das Ziel, eine Gestalt nach den jeweiligen Gesetzen zu bilden. Alles richtet sich an Zielen aus.“

 

„Auch ein lebloser Stein?“, GP schmunzelte.

 

„Mit ‚lebloser Stein‘ meinen Sie wahrscheinlich etwas, das irgendwo herumliegt. Nun, dazu möchte ich sagen: Erstens ist schon innerhalb des Steines Bewegung, weil er aus Atomen besteht bzw. aus noch kleineren Teilchen-Wellen, die eben nicht bewegungslos sind und auch nach Gesetzen ablaufen. Und zweitens: Wenn dieser Stein bewegt wird, dann bildet er mit seiner Umgebung, den Umständen eine bestimmte Struktur nach den Gesetzen. Das meine ich, wenn ich sage: Alles hat das Ziel, eine Gestalt nach den Gesetzen zu bilden.“

 

„Könnte ein Stein auch ohne Gesetze eine Struktur bilden?“

 

„Wie denn? Das ist unmöglich, weil die Gesetze den Substanzen innewohnen. Nichts kann ohne Gesetze ablaufen, weil die Substanzen Gesetze sind.“

 

„Und daher sind Sie zu dem Schluss gekommen, dass alles das Ziel hat, eine Gestalt nach den Gesetzen zu bilden.“

 

„Richtig, dies geschieht ganz automatisch. Es ist nicht so, dass ein Stein etwa ein Bewusstsein hätte, das darauf aus ist, ein Ziel zu erreichen. Er lebt ja nicht. Da aber, wie gesagt, alles nach Gesetzen abläuft, ergibt sich automatisch das Ziel, Strukturen nach den Gesetzen zu bilden.

 

Das Gleiche geschieht mit den Lebewesen, nur dass hier das Ziel des Überlebens hinzukommt. Dieses Ziel gestaltet den Menschen. Dies nenne ich Mittelpunkt oder Mittelpunkt-Mechanik.

 

Stellen Sie sich mal einen Menschen vor, der keine Ziele mehr hat. Also nicht mehr isst, trinkt usw. Was würde mit dem geschehen?“

 

„Der würde wohl sterben.“

 

„Nebenbei: Ohne ein Ziel würde auch der Placebo-Effekt nicht funktionieren. Das Ziel ist hier, mittels Medikamenten etwas zu erreichen. Dies erzeugt einen Mittelpunkt, der alles heranzieht, was für dieses Ziel brauchbar ist. Natürlich auch Erfahrungen, die gemacht wurden, als man schon mal irgendwelche Medikamente einnahm, die halfen. Die Logik des Gehirns ist: Wenn jetzt ein geeignetes Medikament, das von einem kompetenten Menschen kommt, gegen diese Krankheit genommen wird, dann wird sich auch dieses Ziel erfüllen.

 

Dadurch kann sich die innere bisherige Struktur in dieser Beziehung, bis hin zur Erfüllung des Ziels verändern: von Krankheit zur Gesundheit.“

 

„Und das wird vom Gehirn gemacht, nur weil dies ein Medikament „erkannt“ hat, das aus seiner Sicht hilft?“

 

„Ja, dies reicht durch seine Ähnlichkeit.  Es sei denn, dass etwa das Bewusstsein (besser die Wahrnehmung) die Information gibt, dass in dem Medikament gar kein Wirkstoff ist oder man dem nicht mehr traut, der dieses Medikament verschrieben hat. Dies würde die Wirkung stark einschränken bzw. zunichtemachen.

 

Die weitaus überwiegende Anzahl menschlicher Reaktionen sind nicht bewusst. Bewusst wird nur ein sehr kleiner Teil, und zwar immer dann, wenn etwas Wichtiges auftritt. Dann werden über das Bewusstsein Informationen eingeholt. Sind sie relevant, verarbeitet das Gehirn sie mit den Mittelpunkten.

 

Alle anderen Reaktionen und Verhaltensweisen erfolgen über die allgemeine, mehr oder weniger starke, Aufmerksamkeit, die erlebt wird oder automatisch geschieht.“

 

„Aber das muss ja eine unglaubliche Menge an Zielen mit deren Mittelpunkten sein, die den Menschen gestalten!“

 

„Ja, das kann man wohl sagen. Alleine eine so simple Handlung wie, eine Zeitung in die Hand zu nehmen, bedarf vieler gelernter Ziele, die zusammengefasst wurden und dann automatisch ablaufen.

 

Immer wieder höre ich, dass Menschen Schwierigkeiten haben, zu begreifen, dass alles von Zielen geleitet wird, also auch sie selbst. Ich glaube, es ist das tägliche Leben, dass sie diesen Satz nicht verstehen lässt. Weil alles so selbstverständlich ist, was geschieht. Würden sie etwas tiefer schürfen, dann könnten sie sehen, dass jede Handlung, jede einzelne Bewegung von Zielen gesteuert wird und sie bewegt. Zum Beispiel der Griff zum Wasserglas und daraus trinken.“

 

„Viele Menschen, mit denen ich sprach, haben tatsächlich Schwierigkeiten zu verstehen, was mit ‚Ziel‘ gemeint ist“, GP nickte. „Für sie ist ein Ziel etwa, eine Aufgabe zu erledigen oder etwas anzustreben. Aber eine so einfache Sache, wie einen Löffel zum Mund zu führen, ist für sie kein Ziel!“

 

„Weil es automatisch abläuft, ohne dass sie diesem Vorgang weitere Beachtung schenken. Würden sie dem auf den Grund gehen, dann kämen sie der Tatsache näher, dass jede einzelne Handbewegung erst gelernt werden musste. Die Motivation dazu waren Ziele.

 

Denn das ist ja gerade das Tückische für die Erkenntnis, dass man einfache Handlungen als selbstverständlich nimmt und nicht weiter darüber nachdenkt. Nicht realisiert, dass ganz bestimmte zielorientierte Abläufe dahinterstecken.“

 

„Ja, das stimmt“, sagte GP nachdenklich.

 

„Viele erstaunliche Leistungen von Menschen, die oft auf Inselbegabungen beruhen, zum Beispiel sich in kürzester Zeit eine große Anzahl von Sachen zu merken, komplexe Rechenoperationen in wenigen Sekunden auszuführen, für die ein herkömmlicher Computer längere Zeit benötigt, oder eine neue Sprache in nur einer Woche in Wort und Schrift zu erlernen, wären ohne ein Ziel nicht möglich. Dies gibt die Struktur vor, die zur Lösung führt. Auch die künstliche Intelligenz, die ja mit Algorithmen arbeitet, kommt ohne ein vorgegebenes Ziel nicht zu einem Abschluss.“ I

 

Ich machte eine kurze Pause. Dann fuhr ich fort:

 

„Bis zum 16. Jahrhundert kannten die Menschen so gut wie gar keine Gesetze. Alles war aus ihrer Sicht von Gott bestimmt. Aber auch in unserer Zeit sind viele weit davon entfernt zu sehen, dass alles von Zielen gesteuert wird, meinen, dass die meisten Sachen sowieso von selbst geschehen, und betrachten das Bewusstsein nach wie vor als etwas Metaphysisches oder so. Diese Ansichten haben sich von Generation zu Generation übertragen und prägen immer noch einige Philosophen und Menschen, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Alle anderen nehmen das in der Regel einfach so hin, weil sie gar nicht darüber nachdenken.“

 

„Was wäre, wenn sie ihre antiquierten Ansichten über Bord werfen würden und einmal die Überlegung anstellen, ob das Bewusstsein nicht tatsächlich lediglich ein Informationslieferant für das Gehirn ist?“

 

„Dafür sind die meisten Menschen in ihren Ansichten, ihren Denkgewohnheiten zu sehr gefangen. In den wenigsten liegt das Ziel, den Abläufen in ihnen auf den Grund zu gehen, sich, wie bei diesem Thema, einmal intensiv mit dem Verlauf ihres Bewusstseins zu beschäftigen. Hinzu kommen noch unzählige Menschen, die in der Welt der Esoterik, der Mystik leben und, wenn sie diese Einsicht annehmen würden, ihre Welt verletzen. Denn das Bewusstsein ist ein wesentliches Element in dem mystischen Weltbild, das von einem "metaphysischen" Ziel mit seinem Mittelpunkt in ihnen gestaltet wird.“

 

„Sie meinen, dieses Ziel erzeugen sie selber?“

 

„Sicher.“

 

„Die Wahrheit interessiert sie nicht, wollen Sie damit auch sagen“, meinte GP.

 

„Die Wahrheit interessiert sie schon“, entgegnete ich, „aber nur ihre Wahrheit.

 

Man kann dies als das Drama des geblendeten Menschen bezeichnen. Ihr Mittelpunkt, die mystische Welt, umgibt sie wie eine Glocke, die alle anderen Ansichten und Beweise abschirmt.“

 

„Schade“, sagte GP, „ich selbst finde es immer sehr spannend, neue Ansichten zu hören und darüber zu diskutieren.“

 

„Das geht mir genauso“, ich nickte. „Leider ist es so, dass jeder von uns ein Weltbild hat, das ein mehr oder weniger starkes Beharrungsvermögen hat. Änderungen lieb gewordener Einstellungen werden nur ungern vorgenommen.

 

So transportieren sich zum Beispiel eingebrannte Bilder und Vorstellungen der Kultur, in der man aufwuchs, von Generation zu Generation. Nur zu selten werden diese hinterfragt, und wenn, dann oft mit schlechten Gefühlen, weil man damit gewachsene Strukturen infrage stellt: in sich und der Gesellschaft. Es bilden sich schnell Widerstände, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, die alten Strukturen aufrechtzuerhalten.“

 

„Selbsterkenntnis gehört scheinbar nicht zu den Zielen vieler Menschen“, meinte GP.

 

„Diesen Eindruck habe ich auch. Zur Selbstkenntnis kommt man durch Selbstbeobachtung. Wer macht das schon?“

 

„Komisch, ich habe Spaß daran, mich selbst zu beobachten und muss manchmal herzlich über mich lachen, wenn ich Dinge falsch gesehen oder auf einen irrtümlichen Standpunkt beharrt habe. Durch Selbstbeobachtung kommt man sich näher, sieht Züge an sich, die einem noch nicht aufgefallen sind, besonders in neuen oder kritischen Situationen.

 

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich und mein Verhalten akzeptieren kann, mit dem Satz: ‚Was geschah, musste geschehen, wie es geschah.‘“

 

„Mir geht es genauso“, bestätigte ich. „Deshalb macht es mir auch Spaß, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich habe schon viel von Ihnen gelernt.“

 

„Das Kompliment kann ich zurückgeben, die Gespräche mit Ihnen sind sehr anregend für mich.

 

 

Welche Ziele sollte man haben?“, fuhr er fort.

 

„Das kann ich so nicht beantworten. Ich habe das Ziel, anderen Menschen etwas vorzuschreiben, nicht in mir. Jeder hat seine eigenen Werte. Ich kann hier nur für mich selbst sprechen, für meine Ziele: Das Wichtigste für mich ist, die Wahrheit zu erkennen. In Erkenntnis kann ich völlig aufgehen.

 

 

Was mir dabei gerade einfällt: Unzufriedenheit richtet sich immer nach der Höhe der Erwartung.“

 

„Sie meinen, ausschlaggebend ist das jeweilige Ziel?“

 

„Je genauer man ein Ziel erreicht hat, umso höher ist die Zufriedenheit – und umgekehrt. Hier kann man Wurzeln für Euphorie oder Depression finden. Daher sollte man sich genau überlegen, welche Ziele man sich vornimmt. Sind es falsche Ziele, zum Beispiel die nicht zu erreichen sind, dann öffnet man der schlechten Laune bzw. Depressionen Tür und Tor. Falsche Ziele können die Psyche stark belasten.“

 

 

„Haben Sie Ideale?“

 

„Eigentlich nicht, es sei denn, Sie rechnen die Wahrheitsfindung dazu.“

 

„Würden Ihnen Reichtum und Ruhm etwas geben?“

 

„Wenn mir der Sinn nach Reichtum stehen würde, dann müsste ich für die Leute nach deren Erwartungen schreiben. Also etwa Märchen, Sex, Crime. Das wären keine erstrebenswerten Ziele für mich. Ich bin mit meinem Leben, in dem ich nach neuen Erkenntnissen suche, absolut zufrieden. Vom Reichtum hätte ich nichts, weil das, was ich wissen möchte, in erster Linie in mir liegt und von alleine spontan hochsteigt und mich antreibt. Viel Geld würde mir in dieser Beziehung also nicht helfen.

 

Und Ruhm könnte in mir vielleicht Eitelkeit erzeugen, die meinen eigentlichen Zielen nicht hilft, sondern eher hinderlich ist. Er könnte mich davon abhalten, meine Thesen von Zeit zu Zeit immer wieder zu hinterfragen und eventuell auf sie, auch gegen berechtigte Einwände, zu beharren.

 

Beispiele von berühmten Persönlichkeiten gibt es hierfür ja genug.“

 

 

„Sie sind anders als die meisten Menschen.“

 

„Das habe ich nicht angestrebt. Ich bin so, wie ich bin, und so nehme ich mich auch.“

 

„Warum streben Menschen nach Größe, danach, immer mehr haben zu wollen?“

 

„Ein Grund wird die Eitelkeit sein. Ich nenne es ‚Ichtelkeit‘. Ein wesentliches Element des Lebens ist die Anerkennung in der Gruppe, der Gesellschaft. Die generellen Gründe werden in den Urstrukturen liegen.“

 

„Deshalb streben Menschen nach Reichtum, bauen immer höhere Gebäude, kleiden sich auffällig, zeigen, was sie haben, versuchen, eine hohe Position in der Gesellschaft zu erreichen?“

 

„Ich denke, dies ist die Triebkraft. Von diesem Ichtelkeit-Mittelpunkt werden viele Menschen gestaltet.“

 

 

„Haben Sie Angst vor dem Tod?“

 

„Ich weiß, dass der Mittelpunkt ‚Lebenstrieb‘ diese Angst erzeugt, um den Menschen anzutreiben, weiterzuleben. Es ist ihm zum Beispiel egal, ob man todkrank ist und unter grauenhaften Schmerzen leidet oder nur noch den Wunsch hat, man möge sterben. Da ich den Grund weiß, fällt es mir einfacher, mit diesen Gefühlen umzugehen. Und: Wenn man tot ist, entfällt der Grund sowieso, Gefühle spielen dann logischerweise keine Rolle mehr.“

 

„Warum glauben viele, dass der Tod etwas ganz Schlimmes ist?“

 

„Weil der Lebenstrieb einem alles Mögliche vorgaukelt. Er ist mit der stärkste Mittelpunkt im Lebewesen.“

 

„Aber er ist letztlich auch nur ein Ziel.“

 

„Natürlich. Deshalb ist zum Beispiel der Freitod auch nichts Verwerfliches. Wer dies glaubt, gibt lediglich seine eigene Meinung bzw. die der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist oder lebt, wieder.“

 

„Und die eigene Meinung ist immer relativ“, ergänzte GP.

 

 

„Was halten Sie von Nahtoderlebnissen?“, fragte er weiter.

 

„Sterben ist das Erlöschen der Organfunktionen eines Lebewesens, was zum Tod führt.

 

Erlebnisse kann man immer nur über die Sinne erlangen, die diese Informationen an das Gehirn schicken, damit sich es ein Bild machen kann. Und solange dies nicht tot ist, ist es fähig, Fantasien zu erzeugen. Sind die Sinne und das Gehirn tot, dann erlebt man auch nichts mehr.

 

Nahtoderlebnisse kommen eindeutig aus dem Gehirn. Und das Gehirn liegt mit dem, was aus ihm herauskommt, leider nicht immer richtig – dass sehen wir sehr deutlich an den Träumen.

 

So sollte man Nahtoderlebnissen keine große Bedeutung beimessen."

 

 

„Kann man sagen, Sie sind sich immer selbst auf der Spur?“

 

„Das ist so nicht ganz richtig: Ich habe aber oft spontan Gedanken und Gefühle, denen ich nachgehe, mit denen ich mich intensiv befasse. Ich recherchiere, vergleiche, falsifiziere und verifiziere und versuche, falls sie mich in meinem Erkenntnisdrang weiterbringen, diese schließlich verständlich zu Papier zu bringen. In der Hoffnung, Kritik zu bekommen, falls ich mit einer Ansicht falsch liege.

 

Hinzu kommt noch ein eigenartiges Perfektionsstreben in der Beziehung, dass ich Fragen, die in mir sind, bis ins Kleinste beantworten möchte. Diese Ziele sind in mir nachhaltig, also auch wenn ich Fragen beantwortet habe, tauchen diese immer mal wieder auf und bringen mich dazu, zu überprüfen, ob meine Antwort richtig war oder Fehler hatte.“

 

„Aus Unsicherheit?“

 

„Aus Offenheit und Perfektionsstreben.“

 

„Es ist also nicht nur der Drang nach einer Beantwortung da, der dafür sorgt, dass Ihnen etwas einfällt, sondern er besteht auch danach?“

 

„Durch dieses Perfektionsstreben fallen mir Antworten aus mir selbst zu. Und da diese Ziele in mir nachhaltig sind, gibt es dafür scheinbar nie ein Ende. Deshalb ist mir Kritik wichtig. Und deshalb schreibe ich.

 

Darüber hinaus wirft die Beschäftigung mit einer Frage oft immer neue Fragen auf. So kommt mein Erkenntnisdrang eigentlich nie zu einem Abschluss.

 

Auch während des Einschlafens und im Schlaf sind plötzlich Gedanken oder Ideen da, etwa über Themen, mit denen ich mich mal beschäftigt hatte, bei denen mir aber keine Lösung eingefallen war.

 

Ich mache mir dann kurz Notizen, weil ich die Erfahrung machen musste, dass, wenn ich es nicht gleich aufschreibe, die Gedanken am nächsten Tag verschwunden sind. Ein willentliches Zurückholen dieser Ziel-Lösungen ist mir danach, wenn ich wieder aufgewacht bin, nicht möglich.“

 

„Das alles scheint Ihnen viel zu geben“, mutmaßte GP.

 

„Darin kann ich völlig aufgehen“, bestätigte ich.

 


 

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