Alles läuft nach Gesetzen ab, die immanent und unveränderlich sind

 

Da ich mich im Laufe der Jahre mit unzähligen Menschen über diese Themen unterhalten habe, und deren Meinungen oft in meine Manuskripte Eingang gefunden haben, nenne ich die GesprächspartnerInnen hier wertneutral GP.

 

 

 

 

 

GP bemerkte: „Deine Definition für ‚Gesetze‘ lautet: Identische Teile oder Wellen unter identischen Umständen ergeben immer identische Strukturen.“

 

Ich nickte.

 

„Gibt es denn etwas, was identisch ist?“, fragte er skeptisch.

 

„Zunächst würde ich ‚identisch‘ so beschreiben: Eine Substanz – mit oder ohne Masse – die in allen Eigenschaften mit einer anderen übereinstimmt. Daraus folgt, dass beide auch nach identischen Gesetzen ablaufen.

 

Wenn ‚identische Substanzen unter identischen Umständen‘ nicht ein identisches Ergebnis erzielen, dann waren entweder die Substanzen oder die Umstände nicht identisch.

 

Dann: Alles besteht aus Elementarteilchen und diese unterliegen der Quantenmechanik. Daraus folgt die Erkenntnis dieser Wissenschaft: Die Eigenschaften der Quantenteilchen sind nicht auf den lokalen Raum beschränkt, in dem sie sich befinden, sondern werden auch nichtlokal beeinflusst. Daraus folgt wiederum, dass, wenn diese greift, sie dann jeweils anderen Gesetzen unterliegen. So kann die Identität der Elementarteilchen in der lokalen Konstellation aufgehoben sein. Weil dann etwas Neues entsteht und entsprechend andere Gesetze wirken. Also sollte der Eingangssatz modifiziert werden: Je ähnlicher sich Teile und die Umstände sind, umso ähnlicher sind auch die sich daraus ergebenden Strukturen, beziehungsweise Gesetze.“

 

„Was bedeutet ‚nichtlokal‘?“

 

„Für unsere Makrowelt, also die Welt, die wir in der Regel sehen, heißt lokal, dass Vorgänge nur unmittelbare Auswirkungen auf ihre direkte räumliche Umgebung haben.

 

Das gilt nicht für die Mikrowelt, in der die Quantenmechanik herrscht. Hier haben auch Fernwirkungen, etwa die Quantenverschränkung, Einfluss auf die direkte räumliche Umgebung. Dies nennt man nichtlokal. Die Quantenmechanik ist nichtlokal, läuft aber natürlich nach Gesetzen ab.“

 

„Was heißt Quantenverschränkung?“

 

„Dass zwei Elementarteilchen miteinander verbunden sind, auch wenn sie sich räumlich weit voneinander entfernt befinden, zum Beispiel eine Million Kilometer. Ändert sich das eine Teilchen, dann ändert sich, ohne die geringste zeitliche Verzögerung, auch das andere im Ganzen.

 

Man sollte unterscheiden zwischen der klassischen Physik, die Newton beschrieben hat, die in der Regel nach einsichtigen Gesetzen abläuft, und der Quantenphysik, die Max Planck entdeckt hat, deren Gesetze den Menschen begriffliche Schwierigkeiten bereiten.“

 

„Gibt es etwas im Inhalt des Universums, das nicht nach Gesetzen abläuft?“

 

„Nein, Gesetze sind allem inhärent.“

 

„Du behauptest auch, alle Gesetze sind ewig“, fuhr GP fort.

 

„Das ist richtig, die gleichen Substanzen unter den gleichen Umständen ergeben immer das Gleiche. Niemals kann man ein Gesetz ändern. Sobald man aber von einer Substanz etwas abzieht oder hinzufügt, ergeben sich andere Gesetze.

 

Das sieht man zum Beispiel an den Genen: Wird die DNA an bestimmten Stellen modifiziert, ergibt sich eine andere Anleitung, die über eine RNA-Botschaft genutzt wird, um etwa den Bau von Proteinen aus Aminosäure-Bausteinen zu koordinieren. Es wurden die Substanzen, die Gesetze sind, also umgeschrieben und dadurch etwas anders erzeugt.“

 

Als Beispiel eignet sich auch gut die Gestalttheorie. Sie sagt, man kann das Wesen von etwas nur aus seiner Gesamtheit erfassen, also nicht, wenn man es auf die einzelnen Stücke, aus dem dieses besteht, reduziert. Aus der Gesamtheit, die letztlich immer das Gehirn erstellt, ergibt sich also eine neue Gesetzmäßigkeit und Sicht das Menschen.

 

„Wo kommen die Gesetze her, wer hat sie gemacht?“, fragte GP weiter.

 

„Die hat niemand gemacht, ebenso wenig wie jemand das Universum kreiert hat. Sie sind, wie gesagt, den Substanzen inhärent. Es gibt keine Substanzen ohne Gesetze. So gilt die Formel: Substanzen = Gesetze. Da jede Formel auch umgedreht gilt, kann man ebenfalls sagen: Gesetze = Substanzen.“

 

„Die Gesetze sind also in den Substanzen bzw. der jeweiligen Umgebung“, überlegte GP laut.

 

„Das kann jeder nachprüfen“, ich nickte. „Die gleichen Dinge – oder Substanzen – unter den gleichen Umständen ergeben immer wieder das Gleiche. Das ist ein universelles Gesetz.

 

Dies ist in der Makrowelt ebenso wie in der Mikrowelt, der Welt der kleinsten Teilchen-Wellen, gültig. Nur dass die Mikrowelt für Einwirkungen, etwa Wechselwirkungen, anfälliger ist, und die Gesetze hier viel schwieriger zu ermitteln sind.“

 

 

„Warum ist es nur wenigen aufgefallen, dass alles nach Gesetzen abläuft?“, fragte GP nun nachdenklich.

 

„Weil die Welt kontinuierlich in Bewegung ist. Diese Bewegung erzeugt ständig neue Konstellationen, die jeweils wieder nach anderen Gesetzen ablaufen.

 

Für das Überleben wäre wohl die Erkenntnis, dass alles nach Gesetzen abläuft, nicht wichtig. Wichtig ist, auf Veränderungen angemessen zu reagieren. Daher bestand kein Ziel, exakt nachzuprüfen, ob die gleichen Substanzen unter den gleichen Umständen immer ein gleiches Ergebnis erzielen – was ja als Definition der Gesetze gilt.

 

Aber jeder, der versucht, diesen Satz zu widerlegen, wird zu dem Schluss kommen, dass er nicht zu entkräften ist.“

 

 

„Mir fällt ein“, sagte GP, „dass in zwei hintereinander gemachten Experimenten im Doppelspalt-Versuch je ein Photon unter den gleichen Umständen in der Regel unterschiedliche Muster auf den Schirm hinter dem Doppelspalt wirft. Da alles nach Gesetzen abläuft und in beiden Versuchen die gleichen Bedingungen herrschen, müsste doch eigentlich genau das gleiche Muster erscheinen.“

 

„Die Versuchsanordnung im Doppelspalt-Experiment sieht ja wie folgt aus“, begann ich meine Antwort: „In einer Platte sind zwei parallele Schlitze eingefügt. Dahinter befindet sich eine ebene weiße Platte, oder ein Schirm in dieser Art, der größer ist als die mit dem Doppelspalt. Man schickt dann etwa ein Photon – ein Lichtteilchen – in Richtung der Platte. Wenn man es nicht beobachtet oder misst, geht es gleichzeitig durch beide Spalten und wirft ein Interferenzmuster auf den Schirm. Misst man es, geht es nur durch eine Spalte und zeigt nur einen Punkt.

 

(Der Grund ist jeweils das Beobachtungsgerät, die der Mensch benutzt)

 

Macht man nun einen zweiten Versuch mit einem anderen Photon unter den gleichen Umständen, dann erscheint in aller Regel kein identisches Muster auf dem Schirm.

 

In der Konsequenz heißt das: Die Photonen oder die Umstände waren nicht identisch. Also liefen beide Versuche jeweils nach anderen Gesetzen ab.“

 

„Du meinst, wenn die Ergebnisse von zwei gleichen Substanzen unter den gleichen Bedingungen nicht gleich sind, dann waren die Substanzen oder die Umstände nicht gleich, das heißt, es galten andere Gesetze?“

 

„Das sollte klar sein. Übrigens: Wenn man versucht, die Bahn eines Teilchens zu messen, dann kollabiert dieses. Man hat etwas hinzugefügt – die Messung – und das erzeugt ein anderes Gesetz. Dieses Kollabieren der Wellenfunktion ist charakteristisch in Quantensystemen, wenn man sie beobachtet oder misst. Die bis dahin überlagerten Zustände – eine nicht zu beschreibende Menge an Möglichkeiten – werden unmittelbar zu einer wohldefinierten, also einer eindeutigen Struktur.

 

Dies kann nur in der Mikrowelt beobachtet werden, nicht in der Makrowelt.“

 

„Warum ist das so?“, fragte GP.

 

„Es kommt drauf an, wie groß die Menge der mikroskopischen Teile wie Elementarteilchen, Atome, Moleküle usw., aus denen wir alle bestehen, ist. Überschreitet sie eine gewisse Masse, dann wirken die Gesetze der Quantenmechanik nicht mehr. Hier gibt es dann nur noch die Gesetze der klassischen Mechanik, die klare Strukturen zeigen.“

 

„Die Elementarteichen verlieren also ihre Quanteneigenschaften, wenn sie in makroskopische Dimensionen übergehen?“

 

„So ist es“, ich nickte.

 

 

„Was ist mit der Kausalität?“, war GP weiter neugierig. „Sie sagt ja aus, dass jede Wirkung eine Ursache hat.“

 

„Die ist in der Makrowelt ebenso wie in der Mikrowelt, der Welt der Quanten, gültig. In der Makrowelt, in der wir leben, ist dies offensichtlich, wenn man lange genug nach der Ursache sucht.

 

In der Mikrowelt ist dies nicht sofort klar. Da in der Quantenwelt sehr viel schwieriger gemessen oder beobachtet werden kann, ohne in den Ablauf einzugreifen, ist hier natürlich sehr oft der Zufall vertreten. Zufall heißt ja Nichtwissen. Hier ist die Kausalität natürlich auch vorhanden, weil die inhärenten Gesetze der Elementarteile und die lokale bzw. nichtlokale Umgebung die Ursache für die Wirkungen sind. Dadurch bilden sie ihre Strukturen.“

 

„Das Problem ist also nicht“, folgerte GP, „dass in der Quantenwelt etwa nicht alles nach Gesetzen abläuft, sondern dass man diese sehr viel schwieriger beobachten und messen kann. Man hat es also hier generell mit einem Mess- bzw. Beobachtungsproblem zu tun?“

 

„Dafür wird gerne das Wort ‚Zufall‘ benutzt“, ich nickte.

 

„Hier kommt besonders ein Satz zum Tragen, den man nicht vergessen sollte: ‚Alles hat das Ziel, eine Struktur nach den Gesetzen zu bilden.‘ Richtet man sich danach, verliert die Quantenmechanik das Geheimnisvolle, und man nimmt es als naturgegeben hin.“

 

 

Jetzt kam GP eine andere Frage in den Sinn: „Man kann nicht voraussagen, wann exakt ein radioaktives Atom zerfällt. Wie kommt das?“

 

„Würden wir genau das Innere eines Atoms kennen“, antwortete ich, „alle Gesetze und Wechselwirkungen mit seiner lokalen und nichtlokalen Umgebung, dann könnten wir auch eine genaue Voraussage machen, wann dieses Atom zerfällt. Das ist quasi unmöglich, weil das Atom eine Wolke aus elektromagnetischen Feldern ist, die ständig schwingen. Es ist also kein statisches Etwas, sondern etwas sich Veränderndes, Dynamisches. Es unterliegt eben der Quantenmechanik. Eine wesentliche Ursache für den Zeitpunkt des Zerfalls wird der Tunneleffekt sein.“

 

„Was heißt das?“

 

„Wenn ein atomares Teilchen eine Potentialbarriere von endlicher Höhe auch dann überwinden kann, obwohl seine Energie geringer ist als die Höhe der Barriere. In der Quantenmechanik ist dies, wie vieles andere auch, möglich, in der klassischen Physik nicht.“

 

„Dann ist der Name ‚Tunneleffekt‘ ja eigentlich verkehrt, richtig müsste es heißen: Überwindungseffekt.“

 

„Da sich quantenmechanische Effekte schwer bis gar nicht veranschaulichen lassen, wählt man hier lieber den Namen Tunneleffekt.“

 

„Es ist schon atemberaubend, wie unterschiedlich die Welten der Klassischen und der Quantenphysik sind“, staunte GP.

 

„Wie könnte man sich Elementarteilchen, zum Beispiel ein Elektron vorstellen, das gleichzeitig Welle und Teilchen ist?“, war er weiter neugierig.

 

„Alle Elementarteilchen unterliegen dieser Tatsache. Wir sind es ja gewohnt, uns entweder das eine oder andere vorzustellen, etwa kurz hintereinander. Sich gleichzeitig ein Teil in zwei exakt entgegengesetzten Eigenschaften vorzustellen, ist uns nicht möglich, zum Beispiel sich eine Katze gleichzeitig tot und lebendig zu denken.

 

Eine Hilfe kann das Yin- und Yang-Symbol sein. Dies soll ausdrücken, dass entgegengesetzte Eigenschaften eins sind. Wenn man sich darin versenkt, löst sich dieses Bild in eine ungegenständliche Wolke auf. So eine Wolke ist auch die Wirklichkeit der Elementarteilchen.“

 

„Atome bestehen aus Elementarteilchen, wie Elektronen, Protonen, Neutronen, (und kleineren Elementen, wie: Quarks, Leptonen usw.) also aus virtuellen Wolken“, überlegte GP.

 

„Ja, Atome und deren Bestandteile sind Wolken, in denen Teilchen und Welle eine Einheit bilden. Sie laufen nach ihren inhärenten Gesetzen ab, die bestimmen, wann sie zerfallen.

 

Dass der Mensch keine Vorhersagen durch Beobachten oder Messen über den Zerfall eines Atoms machen kann, sollte nach dem eben Gesagten klar sein. Vielleicht kann man sich noch die virtuellen Wolken vorstellen, aber dann auch noch die jeweiligen Gesetze erkennen, nach denen sie ablaufen, ist aufgrund dessen, dass wir sie weder messen noch beobachten können – ich verweise hier auf die Heisenbergsche Unschärferelation – quasi unmöglich.“

 

„Also: Nur weil wir keine genaue Voraussage über den Zerfall eines Atoms machen können, daraus dann zu schließen, dass etwas aus dem Nichts geschieht, entbehrt jeder Grundlage“, schloss GP.

 

„Das ist eindeutig“, stimmte ich zu. „Die Teilchen-Wellen-Wolken sind für den Menschen unanschaulich bezüglich des genauen Ablaufs. Sie sind, wie gesagt, weder genau zu messen noch zu beobachten. Es sei denn, man bemüht die Mathematik. Denn diese kann sehr genaue Vorhersagen mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung machen.

 

Das ist aber nur möglich, weil alles nach Gesetzen abläuft. Und weil die Zahl der Variationsmöglichkeiten in einem System zwar sehr vielfältig, aber endlich ist.

 

Deshalb ist auch nicht alles möglich.

 

 

Albert Einstein fragte einmal: ‚Wie kann es sein, dass die Mathematik, letztlich doch ein Produkt menschlichen Denkens, unabhängig von der Erfahrung, den wirklichen Gegebenheiten so wunderbar entspricht?‘

 

Meine Antwort: Weil das wahre Geschehen Gesetzen unterliegt. Und weil die jeweilige Menge der Strukturen, die in dieser Beziehung eine Rolle spielen, begrenzt ist.

 

Das ist zu verstehen, weil mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnungen sonst keine klaren Aussagen machen könnten.

 

 

Da wir gerade bei Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind: Durch die immer größer werdenden Datenspeicher haben sich die Datenmengen, aus der man Resultate durch bestimmte Fragen erhalten kann, gigantisch vergrößert und sie erweitern sich ständig zu immer steigenden Größenordnungen, die nicht mehr überschaubar sind.

 

Diese Menge der Daten kann man relativ klein werden lassen durch Ziele, die sich aus bestimmten Fragen ergeben.

 

Diese Menge wäre aber noch immer viel zu groß, um hundertprozentige Aussagen machen zu können. Daher wird hier mit Wahrscheinlichkeiten gerechnet, die dann, je nach Genauigkeit der Frage, gute Antworten liefern.“

 

„Du meinst, wenn man aus Massen von Daten Antworten bekommen möchte, dann geht das nur auf Kosten der Genauigkeit?“

 

„Das ist unumgänglich. Aber auch so kann man Antworten erhalten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die Fragen beantworten.“

 

„In diesen Fällen“, überlegte GP, „ist es also nicht mehr so, dass der Rechner einzelne Fakten herbeizieht, um zu einem Resultat zu kommen, sondern eine Menge von nur noch in Potenzen auszudrückenden Daten.“

 

„Ja, diese Form ähnelt sehr dem Ablauf im Gehirn, das ebenfalls ungeheure Datenmengen verarbeiten muss. Ein Beispiel: der Mensch nimmt in jeder Sekunde ca. 11 Millionen Bits auf. Damit vergleicht das Gehirn und reguliert daraus jeweils die Welt nach seinen Zielen auf. Dies ist nur möglich mit den Erkenntniswolken, die sich nicht aus den einzelnen Faktoren ergeben, sondern aus großen Datenmengen.“

 

 

„Man sagt Chaos und meint damit völlige Unordnung“, fiel GP ein. „Du sagst, auch im Chaos läuft alles nach Gesetzen ab?“

 

„Mit der Unordnung meint man, dass Vorhersagen über den Verlauf nicht möglich sind?“, fragte ich zurück.

 

„Ja“, GP nickte.

 

„Und wenn Voraussagen nicht möglich sind, dann herrscht Unordnung?“, fragte ich weiter.

 

„So wird gesagt.“

 

„Nun, im Chaos bewegen sich Teile oder Teilchen, Wellen. Warum sollte dieser Prozess nicht nach Gesetzen ablaufen?“

 

„Wie ich schon sagte: Vorhersagen über den Verlauf sind nicht möglich.“

 

„Es ist das gleiche Strickmuster wie das, was wir eben besprochen haben“, ich schüttelte den Kopf. „Weil man etwas nicht voraussagen kann, wird der Schluss gezogen, dass deshalb keine Gesetze wirken, und wir benutzen das Wort Zufall. Ist das nicht etwas zu einfach? Denn ‚Struktur‘ kann natürlich auch ‚Unordnung‘ heißen. Ziel heißt in diesem Fall lediglich, dass Abläufe nach Gesetzen erfolgen und nicht, dass sich die Teile zu einer bestimmten Ordnung nach der Vorstellung des Menschen formen.“

 

GP überlegte. „Stimmt“, sagte er dann, „es müsste erst noch bewiesen werden. Tatsächlich ist das chaotische Verhalten, das wir sehen, kein Beweis dafür, dass hier keine Gesetze herrschen.“

 

Ich nickte. „Chaos heißt auch die Nicht-Vorhersehbarkeit aufgrund des Anfangszustandes eines Systems. Zum Beispiel, wenn man zwei scheinbar absolut gleiche Anfangszustände, unter den gleichen Umständen, nimmt, und die Vorhersage für das Ergebnis fällt unterschiedlich aus, dann hat man nicht alle Komponenten eingerechnet, die im Anfangszustand eine Rolle spielen.“

 

„Das würde bedeuten, dass auch im Chaos alles determiniert ist, man aber nicht alle Komponenten kannte bzw. eingerechnet hat“, überlegte GP.

 

„So sagt es die wissenschaftliche Chaostheorie.

 

 

Die Meinung, dass nicht alles nach Substanzen und Gesetzen abläuft, wird aber in dieser Beziehung schnell gefällt. Aus Nichtwissen und weil wir nicht in das Innere des Chaos eintauchen können, um es genau anzusehen. Nicht selten auch, um etwas Mystisches zu beweisen.

 

Dieses Schema wird immer dann angewendet, wenn es für den Menschen schwierig ist, das Geschehen tiefer zu betrachten. Wie der Traum, der oftmals völlig unverständlich erscheint.“

 

„Aber trotzdem nach Gesetzen abläuft?“, fragte GP noch mal.

 

„Sicher. Neuronen funktionieren nach Gesetzen.

 

Man stößt aber schnell an seine Grenzen, wenn man konkrete Aussagen machen will.

 

 

Wie anders als durch Gesetze sollten die Substanzen im Universum denn auch ablaufen?“

 

„Nun“, erwiderte GP, „es gibt Menschen, die sagen, durch die Hand Gottes.“

 

„Na ja, kannst du dir vorstellen, dass zum Beispiel physikalische Gesetze durch eine Handbewegung Gottes geändert werden können oder nicht mehr gelten?“

 

„Nicht wirklich.“

 

„Leute, die so etwas behaupten, sind aus meiner Sicht nicht ernst zu nehmen. Sie leben in ihrer Welt, in ihren Mittelpunkten und diese schließen die Fakten, die Realität mit ihren Komplexen einfach aus. So entgeht der Mensch der Wirklichkeit.“

 

„Sie argumentieren aber auch: Kann mein Gefühl denn falsch sein, dass mir mit einer absoluten Sicherheit sagt, dass es Gott gibt? Können meine Gefühle mir denn etwas Falsches sagen?“

 

„Darauf gibt es eine klare Antwort: selbstverständlich. Wenn man mal genau auf sein Verhalten schaut, beantwortet sich die Frage von selbst. Wie oft wurden Menschen schon von ihren Gefühlen getäuscht?

 

 

Nebenbei“, sagte ich, „Gesetze in dem Sinne kannte man vor dem 17. Jahrhundert nicht. Es war für die damals lebenden Menschen alles von Gott bestimmt.“

 

„Aber danach“, wunderte sich GP, „wurde doch mehr und mehr deutlich, welche Rolle die Gesetze spielen.“

 

„Gesetze haben den Beigeschmack von Zwang. Menschen mögen keinen Zwang. Sie ziehen es vor zu glauben, dass sie selbst entscheiden, ihre Freiheit haben. Der Wahrheit ist das nicht förderlich, aber ihrem Glauben.

 

Und dann sind da noch die kulturellen Überlieferungen, die von Generation zu Generation den Glauben an Gott weitergetragen haben. Das wurde auch gerne angenommen, unter anderem, weil man dadurch zeitweilig der rauen Wirklichkeit entfliehen konnte.“

 

 

„Es wird gesagt, Religionen seien sinnstiftend“, warf GP ein.

 

„Nun, wenn man sich die Geschichte der Religionen anschaut, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass sie Unsinn-stiftend sind, um es einmal moderat zu sagen.“

 

„Aber wo sollte der Mensch denn den Sinn seines Lebens herbekommen? Und was ich schon immer mal fragen wollte: Was heißt Sinn genau?“

 

„Gang, Reise, Weg, eine Richtung nehmen. So bedeutet ‚Sinn‘ also das Ziel.

 

Zur Frage nach dem Sinn des Lebens: Man kann anderen Menschen helfen, man kann für Toleranz eintreten, man kann ein für seine wichtigsten Ziele selbstbestimmtes Leben führen usw. Diese Ziele sind ohnehin in den Menschen angelegt. Zum Beispiel über die sogenannten Spiegel-Neuronen, die ich Spiegel-Mittelpunkte nenne. Man sieht oder interpretiert den Anderen, dies regt Ähnlichkeiten an, die wieder Mittelpunkte in einem aktivieren. Dadurch kann man ähnlich empfinden, mitfühlen. Dafür braucht es keine Religion, um darauf menschlich zu reagieren.

 

Wenn man sich ansieht, welche Begründungen die Religionen für ihre Existenz anführen! Und was durch den religiösen Glauben Menschen anderen schon an Grausamkeiten angetan haben.

 

Es sind eben nur Menschen, die die Religionen kreiert haben und die andere Menschen dann nach ihren eigenen, manchmal sehr egoistischen Zielen durchgesetzt haben.

 

Übersetzt man Sinn mit Ziel, und schaut sich an, was Religionen angerichtet haben, dann kann nur vor dieser ‚Sinngebung‘ gewarnt werden.“

 

„Aber wie steht es mit dem Halt, den der Glaube Menschen gibt und aus dem sie Kraft schöpfen können?“ fragte GP.

 

„Das ist eine andere Sache. Dies hat nichts mehr mit der der äußeren Wirklichkeit zu tun, sondern ausschließlich mit dem Inneren des Menschen. Es ist keine Frage, dass der Glaube, als Mittelpunkt, den Menschen helfen kann, etwa seelische Konflikte besser durchzustehen.“

 

„Aber ist es nicht auch zu nüchtern, wenn du sagst, alles läuft nach Gesetzen ab?“, kam es GT noch in den Sinn.

 

„Da alle Substanzen untrennbar mit Gesetzen verbunden sind, sollte man dies einfach so hinnehmen. Schau dich in der Welt um, wie bunt sie ist: Menschen mit ihren Verhaltensweisen und Ideen, die Natur in all ihren Erscheinungen. Alles läuft natürlich nach Gesetzen ab. Ist das wirklich nur nüchtern zu nennen?“

 

 

„Mir fällt ein“, wechselte GP das Thema, „ist die Tatsache, dass alles nach Gesetzen abläuft, für den Menschen, für die Gesellschaft überhaupt zu akzeptieren?“

 

„Das ist eine gute Frage. Du hättest auch fragen können: Können die Menschen die Wahrheit ab?“

 

„Also die Wahrheit, für die du stehst“, bemerkte GP.

 

„Jeder hat die Möglichkeit, meine Wahrheit zu widerlegen bzw. seine eigene zu finden.

 

Ich glaube, wenn man meiner Wahrheit folgt, dass man dann zwischen der Akzeptanz der Realität und seinen eigenen Mittelpunkten stände. Denn die Ziele im Menschen, in der Gesellschaft wollen sich natürlich verwirklichen. Dem steht diese Wahrheit im Wege und sie wird wohl eher ignoriert, weil die Ziele sonst scheinbar nicht zu erreichen wären.

 

Ein Beispiel: Wenn jemand etwas gestohlen hat, ist das aus der Sicht, dass alles so geschehen musste, wie es geschah, zwar verständlich, es passt aber nicht zu den Werten, den Zielen der Menschen, die dafür Strafe und Vergeltung verlangen.“

 

„Wie könnte man diese fundamentalen Gegensätze vereinigen?“

 

„Durch Toleranz und Einsicht, indem wir einerseits sagen, es musste so geschehen, und anderseits, unsere Regeln sind uns wichtig. Man könnte so argumentieren: ‚Wenn man dich jetzt ungeschoren davonkommen lässt, wären unsere Regeln gefährdet'. Und was noch wichtiger ist: Dies würde nicht nur für diesen Fall, sondern eventuell auf Dauer gelten. Das könnte zu inneren Spannungen in der Gesellschaft führen.

 

Diese Spannung kann man nur auflösen, indem man urteilt: ‚Du hast eine Regel gebrochen, die für uns alle gilt, also auch für dich, und deswegen muss du bestraft werden.‘

 

Es ist schon wahr, dass alles so geschehen musste, wie es geschah, aber eine Gesellschaft würde auseinanderbrechen, wenn man alles akzeptiert, und alles durchgehen lässt. Weil sie durch Regeln zusammengehalten wird.“

 

„Wo kommen diese Regeln hier?“

 

„Die Vorstellungen von Gut und Böse bilden sich unbewusst oder bewusst, ungeschrieben oder geschrieben, zum Beispiel durch die Urstrukturen im Menschen, eine kulturelle Prägung, als Ziele in jeder Gruppe bzw. Gesellschaft. Diese Bewertungen wirken dann mehr oder weniger in Form von sozialen Normen und Moralvorstellungen in jedem Gesellschaftsmitglied.“

 

„Du meinst“, fasste GP zusammen, „wer etwas gemacht hat, was andere schädigte, und glaubt, er müsse dafür keine Verantwortung übernehmen, weil: was geschah, geschehen musste, wie es geschah, der sollte sich vor Augen halten, dass er gegen Regeln oder Gesetze einer Gruppe oder Gesellschaft verstoßen hat, die ohne diese auf Dauer nicht lebensfähig wäre.

 

Denn die Meinung, die andere vertreten, ihr Urteil, musste natürlich auch so geschehen, wie es geschah. Von daher kann der Täter den Richtern für das Urteil keinen Vorwurf machen.

 

Mit dem Satz: ‚Alles läuft nach Gesetzen ab‘, soll lediglich gezeigt werden, dass alles so geschehen musste, wie es geschah.“

 

„Das hast du gut wiedergegeben“, stimmte ich zu.

 

 

„Es sollten also immer möglichst Elemente des Verständnisses bei der Bemessung der Strafe berücksichtigt werden und in das Urteil einfließen“, ergänzte GP noch.

 

„Ja, aber die meisten Menschen werden sich darüber kaum Gedanken machen, weil sie einfach weiterhin in ihren Mittelpunkten bleiben wollen, und solche Einsichten dafür Hindernisse sind. Also werden sie wenig Verständnis für das Fehlverhalten anderer Menschen aufbringen (Fehlverhalten im Sinne der Ziele der Gesellschaft).“

 

„Aber ein großer Vorteil der Einstellung, dass alles vorbestimmt ist“, sagte GP, „besteht darin, dass man sich schneller mit dem Geschehen in der Vergangenheit abfinden kann.“

 

„Das ist wohl wahr“, stimmte ich ihm zu. „Es ist sogar ein gewaltiger Gewinn, weil man dadurch mehr in der Gegenwart lebt und weniger von der Vergangenheit gestaltet wird.

 

Zum Beispiel ist die Wut darüber, die bei manchen Menschen ausbricht, wenn sie nicht ihr Ziel erreicht haben, im Hinblick darauf, was wir eben besprochen haben, nicht besonders sinnvoll.

 

Dies gilt besonders auch bei Fehlern, die wir machen. Verfluchen wir uns deshalb, so kann dies für das eigene Selbst besonders destabilisierend sein.“

 

„Aber menschlich verständlich“, warf er ein.

 

„Da hast du recht.

 

Ein weiterer Vorteil der Einstellung, dass alles so geschehen musste, wie es geschah, ist die Toleranz, die aus dem Satz entspringt und sich positiv auf das Verhältnis der Mittelpunkte in einem selbst und das Zusammenleben mit anderen Menschen auswirken kann.

 

Noch ein Wort zu den Strafen, die Menschen gegen andere aussprechen: Eine Tat wird in aller Regel nach dem beurteilt, inwieweit man selbst in seinen Gefühlen verletzt wurde. Diese Gefühle, so wird verlangt, sollen von den Richtern ebenfalls durch Strafe ausgeglichen werden.“

 

 

„Da du gerade die Toleranz angesprochen hast: Mir fallen Menschen ein, denen dieses Wort ein Fremdwort ist: Diktatoren.“

 

„Ja, das ‚beste‘ Beispiel für Intoleranz sind Diktatoren. Damit meine ich einerseits die Diktatoren, die glauben, alles müsste sich an ihren eigenen Zielen ausrichten, etwa in der Familie, in der Gruppe, in einer Firma usw., und natürlich im Besonderen die Diktatoren, die Staaten lenken und nur ihre eigenen Ziele sehen.

 

Ein Grund ist, dass viele Menschen glauben, dass das, was sie als richtig empfinden, auch für andere so sein muss. Und je mehr Macht jemand hat, umso mehr kann er diese Ansicht durchsetzen.

 

Mit den Diktatoren ist es eine einfache Sache: Sie wollen und können zu einem großen Teil ihre eigene Meinung durchfechten und dulden keine andere. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Sie sind Menschen, die rücksichtslos ihre eigenen Ziele verfolgen, ihre Mittelpunkte ausleben.

 

Oft werden Diktatoren – am Anfang – unterstützt, weil die Bevölkerung in ihnen den Führer sieht, der alles besser macht.“

 

„Und wie kann man einen Diktator erkennen, obwohl er vielleicht versucht, sich einen anderen Mantel umzuhängen?“

 

„Das beste Indiz ist, dass er die Medien einschränkt oder ausschaltet, die nicht seine Meinung vertreten.“

 

„Du meinst, es geht ihm darum, letztlich alle Gegner kaltzustellen. Dazu gehören zunächst einmal die Medien, die er nicht kontrolliert, und dann alle, die Kritik an ihm äußern oder sich sonst oppositionell verhalten?“

 

„Genau, Diktatoren schaffen sich ihre eigene Welt. Sie umgeben sich mit Leuten, die ihnen zustimmen – alle anderen werden nicht beachtet oder, wenn notwendig, eliminiert. Es ist ausgeschlossen, dass sich Diktatoren mit Menschen umgeben, die ihnen widersprechen. Exakt das Gegenteil ist der Fall.

 

Und je stärker ein Diktator wird, umso mehr verliert er die Bodenhaftung. Es gibt immer weniger Stimmen, auf die er hören muss. Dies ist nicht selten sein Untergang.

 

Na ja, die Welt ist, wie sie ist, die Menschen sind, wie sie sind.

 

Mir hilft der Satz: ‚Was geschieht, muss geschehen, wie es geschieht.‘“

 

 

 

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