Gespräch über den Sinn des Lebens und die Evolution

 

Ich habe einmal ein Gespräch mit Phil Osof geschrieben, dass ich hier wiederholen möchte.

 

 

 

 

„Welchen Sinn hat das Leben eigentlich?“ fragte ich Phil Osof.

 

„Bevor wir weiterreden“ sagte er ,,sollten wir die Frage klären: "Was wird unter ‚Sinn’ verstanden?“

 

„Ich denke, mit passenden Mitteln den Weg zu seinem Ziel gehen zu können.“

 

„Also Weg und Ziel?“

 

„Ja.“

 

Osof nickte. „Die Antwort auf Ihre Frage: Der Sinn des Lebens ist, zu leben und wenn möglich, Nachkommen zu erzeugen. Beides ist tief in den Menschen angelegt.

 

Dann kommt es darauf an, welchen Sinn man im eigenen Leben findet. Diese Klärung findet man über die Erkenntnis der in einem selbst liegenden Ziele, die in der Welt Gestalt annehmen wollen.“

 

„Kann es nicht sein“, fragte ich, „dass hinter dem Leben ein höheres Ziel, ein höherer Plan, eine höhere Macht steckt?“

 

„Sicher, diese höhere Macht sind die Substanzen und Gesetze, aus denen alles besteht“, antwortete Osof. „Ganz sicher ist: Der Sinn des Lebens ist, zu leben, denn das Leben hat sich selbst zum Ziel und bahnt sich seine Wege."

 

„Dann ist Leben Selbstzweck?“

 

„Ja.“

 

„Und es steckt kein höheres Ziel dahinter?“

 

„Nein. Etliche Menschen glauben, dass hier Übersinnliches am Werk ist. Aber das Leben ist lediglich das Streben zu den Zielen, die in dem jeweiligen Lebewesen sind.“

 

„Was geschieht Ihrer Meinung nach, wenn wir gestorben sind? Bleibt von uns nichts mehr?“

 

„Nichts geht im All verloren. Ich selbst sehe mich wie alles andere, das für eine gewisse Zeit eine Einheit bildet, in der es Veränderungen unterliegt, und schließlich im All aufgeht.“

 

 

„Herr Osof, es gibt den Ausspruch, dass das geschichtliche Geschehen ein Fortschritt zum Guten und Vernünftigen ist.“

 

„Nun – sieht man sich die Geschichte der Welt an, dann kann diese Aussage wohl kaum aufrechterhalten werden“, antwortete er. „Ich möchte einmal fragen: Wohin will die Menschheit, was will sie erreichen, was ist ihr Ziel? Einen Zustand des Friedens, der Freiheit, der Harmonie, der Erlösung? Wenn man konsequent denkt und mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht man, dass dies auf Dauer unmöglich ist.

 

 

„Wie ist es mit der Evolution?“

 

„Evolution heißt eigentlich nur Entwicklung. Etwa einer Art, ist also die Lehre von der Abstammung und die weitere Differenzierung der verschiedenen Lebewesen.

 

Hinzu kommt noch die Epigenetik. Sie ist ein wichtiges Werkzeug für das Programm zur Anpassung der Gene an die Umwelt und ist ebenfalls vererbbar. Sie hat Einfluss auf die Gene mittels deren An- und Abschaltung, die durch die jeweiligen Ziele verursacht wird.

 

Die Ziele bilden – mit der Epigenetik – für die Evolution eine mächtige Schubkraft!

 

Die Evolution hat als zentrale Grundlage die genetische Veränderung, die Mutation, die zufällig ins Spiel kommt, und so einen neuen Zweig eröffnen kann. Neue Strukturen im Erbgut ergeben sich so als Kopierfehler, die dann, wenn sie als Möglichkeit der Anpassung erkannt und genutzt werden und sich als geeigneter erweisen, um in der Umwelt zu existieren, zu einer neuen Struktur führen.

 

Dies ist aber nicht das Ziel. Es geht immer nur um das Überleben des Einzelnen und die Erzeugung von Nachkommen“.

 

 

 

 

"Wie kam es dazu“, fragte ich, „dass alle Lebewesen den Trieb in sich haben, Nachkommen zu erzeugen?“

 

"Ich denke“ mutmaßte Phil Osof, „als vor Milliarden von Jahren Leben entstand, mussten sich die jeweiligen Lebewesen vor Konkurrenz schützen. Das funktionierte am besten, wenn man so viel wie möglich gleichartige Lebewesen produzierte und dann um sich herumhatte. Da sich dies gut bewährte, weil die Überlebenschancen stiegen, ist dies in allen Arten verankert".

 

„Sie meinen also nicht, dass die Evolution zielgerichtet ist?“

 

„Nicht im Sinne einer personalisierten Leistung. Sie ist keine kreative Kraft, die etwas erschafft, sondern die Ziele in den Lebewesen bedienen sich mehr zufällig der durch Mutationen veränderten Strukturen. Auslöser dafür sind in der Regel, wie gesagt, Bestrebungen, sich für das Überleben anzupassen.

 

Man kann sagen, Evolution hat immer etwas mit Mutation zu tun, und diese wird mehr oder weniger vom Leben des Individuums genutzt, um sich besser und länger zu erhalten. Das Ziel steckt im Leben, nicht in der Evolution. Oder anders ausgedrückt: Nicht sie gibt das Ziel vor – viele, auch vorteilhafte Mutationen werden lange Zeit nicht genutzt oder vergehen wieder –, sondern das Leben. Dies entdeckt es zufällig und spannt es für seine Ziele ein.

 

Nicht die Evolution drängt darauf, zu leben und Nachkommen zu erzeugen, sondern diese beiden Ziele sind tief in jedem Lebewesen als Ziele angelegt. Und diese Ziele gestalten die Menschen – nicht die Evolution.

 

Wie gesagt: Evolution heißt nur Entwicklung. Diese läuft lediglich nach Substanzen und Gesetzen ab und kreiert keine eigenen Evolution-Ziele."

 

 

„Die Evolution ist also keine Instanz“, wiederholte ich, „die etwas macht, in die Wege leitet, selbst auswählt und auf ein bestimmtes Ziel hinsteuert, wie man manchmal den Eindruck hat, wenn darüber geredet wird?“

 

„Diesen Eindruck hat man wirklich“, nickte Phil Osof. „Da wird von Experimenten der Evolution gesprochen und dass sie dieses oder jenes Ziel verfolgt.“

 

„Könnte sie für etliche Menschen so eine Art Gottes- oder Religionsersatz, eine Weltanschauungsform sein, die den Sinn des Lebens zeigen soll?“

 

„Das könnte tatsächlich der Fall sein. Es gibt viele Menschen, die glauben, dass die Evolution das Ziel hat, die Lebewesen zu immer höheren Organisationsformen zu bringen; die Krone hat jetzt der Mensch. Aber um es noch einmal zu sagen: Nicht die Evolution gibt das Ziel vor, sondern das Leben, genauer gesagt, das Überleben in der Umwelt.

 

Und um es noch einmal ganz klar zu sagen:  Die Evolution ist ein Ergebnis der Ziele (der Substanzen und deren Gesetze). Und nicht etwa, dass ein höheres Wesen die Menschen immer vollkommener machen will“.

 

 

Wir schwiegen eine kurze Weile und hingen unseren Gedanken nach.

 

Dann sagte ich: „Es gibt Menschen, die hadern mit dem Schicksal, meinen, das Leben sei ihnen etwas schuldig und verlangen die Erfüllung bestimmter Wünsche. Sie, Herr Osof, sagen, man sollte sein Schicksal annehmen, weil es so kommen musste, wie es kam, da alles aus Substanzen und Gesetzen besteht.“

 

„Nun – Schicksal wird definiert als etwas, was nicht zu ändern ist. Wenn man sich mit dem, was geschah, nicht abfinden kann, obwohl es so geschehen musste, dann macht man zweifelsfrei einen Fehler, der aber menschlich absolut nachvollziehbar ist, denn jeder hat nun einmal seine Ziele in sich, die er erreichen möchte. Aber man sollte vom Schicksal nichts verlangen. Sich zu beschweren und Vorwürfe zu machen ist sinnlos. Dies ist lediglich eine Übertragung von seinen früheren Bezugspersonen auf das Schicksal. Jedes Mal, wenn in mir das Gefühl aufkommen will, damit hadern zu müssen, sage ich: ‚Was geschah, musste geschehen, wie es geschah. ’ Das hilft mir, die Vergangenheit zu akzeptieren.“

 

„Aber wie kann man das Schicksal annehmen, wenn Grauenhaftes geschah, etwa vor den Augen der Mutter ihr Säugling von gegnerischen Soldaten an einer Mauer zerschmettert wurde, was im Krieg tatsächlich geschehen ist?“, fragte ich. „Wenn Terroristen Menschen töten oder verstümmeln, seelische Traumata hinterlassen, die bis ans Lebensende nachwirken, das Grauen immer wieder hochkommen lassen? Oder wenn Menschen gevierteilt wurden, lebendig eingemauert, gesteinigt, Arme und Beine abgehackt? Die Liste der furchtbaren Taten, die Menschen im Laufe der Geschichte anderen zugefügt haben, ließe sich ins Unendliche fortsetzen! Und da frage ich Sie wirklich, Herr Osof, wie kann man nach solchen Erlebnissen das Schicksal annehmen? Wie kann man dann noch sagen: ‚Was geschah, musste so geschehen, wie es geschah’? Denjenigen, die dieses Grauen angerichtet haben, dies nachsehen und normal weiterleben?“

 

„Sie haben natürlich Recht, Herr Hermsch. Das ist, wie man immer wieder sieht und auch an sich selbst erfährt, fast unmöglich. Trotzdem ist die Aussage, dass alles so geschehen musste, wie es geschah, eine nicht zu widerlegende Tatsache. Man kann seinem Schicksal nicht entgehen. Wenn man es nicht annehmen kann, dann ist es – Schicksal.

 

Gerne wird es personifiziert. Wenn einem etwas Schlechtes widerfährt, viel Pech im Spiel war, könnte man auf die Idee kommen, dass das Schicksal es auf einen abgesehen hat, dass man gerade dieses Pech haben sollte.

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wenn Menschen wütend darauf sind, dass dieses Ereignis geschah und dafür eine höhere Gewalt verantwortlich machen, die gerade ihnen dieses Hindernis in den Weg gelegt hat. Letztlich ist dies ein merkwürdiger Gedanke, verursacht etwa durch Ärger, Wut oder den Glauben an mystische Ereignisse. Genauer gesagt ist dies die Reaktion von Zielen in einem, die nicht erreicht wurden. Vielleicht glauben diese Menschen an positive oder negative Geister, die es gut oder schlecht mit ihnen meinen.

 

Aber es gibt weder gute noch schlechte Geister, sondern einfach nur Substanzen, die nach Gesetzen ablaufen.

Genauso ‚unsinnig’ ist es, zu glauben, dass, wenn man Glück gehabt hat, dies eine höhere Macht gezielt wollte. Wer glaubt, er sei vom Schicksal vorgezogen, irrt.“

 

„Aber die Gefühle sprechen oft eine ganz andere Sprache“, meinte ich

 

„Natürlich. Diese sagen einem vielleicht, dass etwas vorbestimmt ist – also, dass es genauso absichtlich eingerichtet wurde, dass einem dieses oder jenes geschah – in positiver oder negativer Hinsicht. Man spricht auch von der Tücke des Schicksals oder von dessen Gunst. In dieser Beziehung gibt es selbstverständlich weder Tücke noch Gunst, sondern einfach nur natürliche Abläufe. Das Schicksal wird vermenschlicht und personifiziert. Viele Menschen glauben tatsächlich, dass das, was geschieht, gerade so ausgerichtet wurde, dass es so geschehen muss – von einer höheren Person oder einer metaphysischen Herrschaft.

 

Es gibt viele, die sich Wunder wünschen. Wer das tut, der müsste gleichzeitig wünschen, dass diverse Naturgesetze für eine gewisse Zeit außer Kraft gesetzt werden. Wünscht man sich etwa, eine Wüste möge in eine blühende Landschaft verwandelt werden, obwohl dies die meteorologischen Fakten unmöglich zulassen, oder jemand möge nicht sterben, obwohl er nicht zu retten ist, dann müssten ja tatsächlich diverse naturbedingte Abläufe gestoppt werden – aus heiterem Himmel sozusagen – nur um dies möglich zu machen.“

 

„Oder wenn man sich einen Lottogewinn wünscht“, warf ich ein.

 

„Ja, was müsste nicht alles verändert werden, damit dies eintreten kann, es sei denn, der Zufall führt sowieso dazu. Dies werten einige Gewinner dann so, als wenn das Schicksal sie gezielt auserwählt habe. Wenn dem so wäre, dann hätten, wie gesagt, viele natürliche Abläufe gestoppt werden und die ganze Welt sich nur auf diese Person konzentrieren müssen, denn es dürfte dem, was geschehen soll, nichts im Wege stehen. Wäre das nicht eine verrückte Idee?“

 

 

„Wie kann man denn auf den Gedanken kommen, dass das Schicksal gerade dieses Glück oder Unglück für einen ausgesucht hat? Welche Ursachen könnten diesem Glauben zu Grunde liegen?“

 

„Ich denke, indem man seine Erfahrungen mit Menschen auf das Schicksal projiziert, also eine Übertragung vornimmt. Der Mensch wird in eine Welt der Menschen hineingeboren. Diese bestimmen in den ersten Wochen und Monaten vollkommen die Sicht des Säuglings. Die Erfahrungen mit seinen Bezugspersonen hinterlassen in ihm danach den Eindruck, die ‚Welt’ kann willentlich positiv oder negativ agieren und er selbst kann willentlich Einfluss nehmen. Dies überträgt er von den Menschen auf die Welt, er vermenschlicht sie sozusagen und meint, sie hätte einen Willen, der es gut oder schlecht mit ihm meint.

 

Nun, das Verhalten von Menschen kann man mehr oder weniger beeinflussen, das Schicksal nicht, aber der Wunsch kann blind machen.“

 

„Und Hoffnung geben“, warf ich ein.

 

„Ein wesentlicher Wert“, nickte Osof, und fuhr fort: „Nun kann man natürlich auch sagen: Am Beginn des Universums ist es so eingerichtet worden, dass genau dieses passieren kann, das heißt, alles hat sich auf diesen einen Moment ausgerichtet. Aber mal ganz ehrlich: Nimmt man sich da nicht etwas zu wichtig? Dass sich alles um einen selbst drehen sollte?“

 

„Aber Sie sagen doch auch, dass alles so geschehen muss, wie es geschieht.“

 

„Ja, auf Grund der Substanzen, die nach Gesetzen ablaufen, und nicht, weil ein Gott oder Ähnliches dieses Geschehen zielgenau auf einen Menschen zugeschnitten hat.

 

Zum Beispiel leben gläubige Menschen oft in einer mystisch-magischen Welt, in der alles möglich ist und eine übernatürliche Person, etwa Gott, die Naturgesetze außer Kraft setzen kann. Leute, die glauben und beten, wollen sich gar nicht klarmachen, dass dies niemand kann, auch nicht für kurze Zeit. Sie wollen weiter glauben, weil dies zu ihrer Welt gehört.“

 

„Dann hat beten wenig Zweck?“

 

„Nun, damit kann man schon selbst seine Wahrnehmungswelt beeinflussen. Aber wenn man um etwas bittet oder sich etwas wünscht, dann überträgt man die Freiheit, die man zu haben glaubt, auf die Welt und meint, dass diese ebenso diese ‚Freiheit’ hat. Die objektive Welt jedoch lässt sich davon nicht beeindrucken, sie läuft strikt nach Substanzen und Gesetzen ab.“

 

„Dann machen sich die Menschen, die beten, etwas vor?“

 

„Mehr oder weniger glauben sie fest daran, dass Beten in der Außenwelt etwas bewirkt, und damit haben sie ja auch Recht: Tatsächlich verändern sie ihre Welt – ihre Wahrnehmungswelt.“

 

 

 

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